Carole Johnstone: Das Spiegelhaus

Warum verlassen zwei kleine Mädchen ihr Elternhaus und laufen nachts mit blutbefleckten Kleidern zum Hafen auf der Suche nach einem Schiff?

Weil ihre Zwillingsschwester El von einem Segelausflug nicht zurückgekommen ist, kehrt Cat nach zwölf Jahren Abwesenheit zurück in die kleine Stadt in der Nähe von Edinburgh. In die Stadt ihrer Kindheit. In das Haus ihrer Kindheit. Dort trifft sie auf Ross, den Gatten ihrer Schwester und ihrer beider Spielgefährte aus Kindertagen. Er wirkt verzweifelt und hilflos. Die ermittelnden Beamten der Polizei haben Fragen und erwarten, dass Cat ihnen einen Grund für das Verschwinden von El nennen kann. Fast alle haben die Hoffnung, sie lebend zu finden, inzwischen aufgegeben. Doch Cat glaubt nicht an den Tod ihrer Schwester. Sie ist sich sicher, dass sie gespürt hätte, wenn El etwas Schlimmes zugestoßen wäre, so wie sie früher ihre Ängste und Schmerzen gespürt hat.

Sie verfängt sich in dem Netz aus Erinnerungen, dem sie mit ihrer Flucht in die USA zu entkommen versucht hatte. Da sind die ausgelassenen Spiele auf einem Piratenschiff, die Geschichten des Großvaters und die, die ihnen ihre Mutter vorgelesen hat. Das Haus war voller Abenteuer.

Doch schon bei der Ankunft in der Stadt beschleichen sie Ängste und eine geheimnisvolle Stimme in ihrem Innern befiehlt: „Lauf!“. Ross erzählt, dass das Paar auf Betreiben Els das Gebäude zurückerworben und danach alles darangesetzt hat, es in den Zustand zu belassen bzw. zurückzuversetzen, in dem es früher war.

Im Haus findet sie bedrohliche Briefe, die sie vor einer unbestimmten Gefahr warnen. Zudem hat jemand Hinweise und Tagebuchseiten von El versteckt. Cat glaubt, dass El selbst versucht, sie zu vertreiben. Vor allem die Aufzeichnungen der Schwester fördern neue Bilder zutage, solche, die Cat ausgeblendet hatte. Sie realisiert, dass ihre Erinnerungen lückenhaft sind. Die wie ein Mantra heraufbeschworenen Bilder einer glücklichen Kindheit sind von einem Schleier aus Hilflosigkeit überzogen. Sicherheiten lösen sich auf.

Die Geschichte wird durchgehend aus der Perspektive von Cat erzählt. Carole Johnstone lässt ihre Protagonistin in die Geschichte ihrer Kindheit eintauchen und vergessene bzw. verdrängte Details entdecken. Ich spüre den Widerwillen, mit dem Cat sich ihrer Vergangenheit stellt. Der Autorin gelingt es, von Anfang an Cats Unbehagen auf mich zu übertragen. Carole Johnstone erzählt quälend genau, beschreibt Interieur, Bewegungen, Gedanken, vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab. Ich möchte wissen, aus welcher Richtung Gefahr droht, aber ich werde geschickt hingehalten.  Sie lässt Erinnerungen und aktuelles Geschehen ineinander überfließen. Stück um Stück werden Erinnerungslücken aufgefüllten. Cat erkennt schließlich, welche Ereignisse sie und El damals dazu brachten, ihr Elternhaus zu verlassen und welche Rolle der Großvater, die Mutter und auch Ross dabei gespielt haben.

Für mich war das Buch bis zum Schluss spannend und ich empfehle es gerne weiter.

Carole Johnstone: Das Spiegelhaus.
Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Naumann.
Eichborn, März 2022.
416 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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