C. E. Bernard: Palace of Glass 01: Die Wächterin

Wir schreiben das Jahr 2054. Seit mittlerweile 26 Jahren hat das britische Königreich strenge Gesetzte zum Schutz der Menschen erlassen. Romane und Theaterstücke wurden verboten, ein Jeder, gleich ob Mann oder Frau hat verhüllt zu gehen, Handschuhe sind Pflicht, das gegenseitige Berühren ist verpönt. Grund für die restriktive Gesetzgebung sind die Magdalenen, Menschen mit der Gabe bei Hautkontakt in den Geist einzugreifen, Gedanken und Erinnerungen zu lesen und sogar manipulieren zu können. Die überall spürbare Panik vor diesen Menschen, die einst geachtete Mitglieder der Gesellschaft waren, die als Heiler vor allem bei psychischen Leiden eingesetzt wurden, hat das Land und seine Bewohner verändert. Am Deutlichsten wird dies neben der überall grassierenden Furcht und Verfolgung wohl durch die viktorianisch wirkende, streng formelle Kleidung und die getrennten Gehspuren auf den Gehwegen.

Rea Emris und ihre Bruder sind, nach einer noch nicht näher benannten Familientragödie, von den USA nach London geflüchtet. Während der Bruder sich, um die Zeit, bis er in Paris endlich seinen Traum Musik zu studieren wahr machen kann, als Straßenmusiker versucht, verdient Rea ihr Geld als Schneiderin. Dass sie daneben einer anderen, einer gefährlichen, ja tödlichen Sucht frönt, darf niemand wissen. Sie tritt als Mann verkleidet, in illegalen Boxkämpfen an. Dass sie diese nur überstehen, ja siegreich aus den gnadenlos geführten Kämpfen hervorgehen kann, weil sie ihre Magadalenen-Gabe einsetzt, darf niemand wissen, sonst ist sie des Todes.

Eines Tages hält eine große Limousine vor ihrem Heim. Rea wird aufgefordert dem Agenten zu folgen. Ist das Schlimmste, das Undenkbare passiert – hat sie sich, wie auch immer, verraten, wird sie nur öffentlich und medienwirksam sterben?

Statt einer Anklage hält der königliche Geheimdienst ein Angebot für sie bereit, zu dem sie nicht nein sagen kann, nicht nein sagen darf. Ausgerechnet sie soll das Leben des Kronprinzen als Bodyguard schützen – ihr Ruf aus dem Ring hat ihr die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger gesichert. Wenn der König und sein Hof wüssten, dass sie sich mit Rea eine verhasste Magdalene an den Hof holen, die Scheiterhaufen würden brennen.

In den nächsten Wochen lernt Rea das Innenleben des Palasts kennen – das despotische Herrscherpaar, ihren charismatischen Sohn und die aus Frankreich importierten Geheimdienstler, die für die Sicherheit zuständig sind. Und es kommt zu Anschlägen von Winter, einer Terrororganisation – zumindest sieht das Königshaus sie als solche – die sich die Befreiung der Magdalenen auf ihre überraschend gewaltfreien Fahnen geschrieben hat …

Es ist schon kurios, da verfasst eine angehende deutsche Autorin eine Fantasy-Trilogie, der besseren Vermarktung wegen gleich in Englisch, sucht und findet einen Agenten, der das Werk dann als erstes wieder bei einem deutschen Verlag unterbringt. Verrückt, wie das Leben so manches Mal spielt.

Penhaligon bekam die Chance, die Trilogie, die im zweimonatlichen Rhythmus publiziert werden soll, zu prüfen und schlug sofort zu. Und dies zurecht, bietet der Plot doch genau das, was die Leser(-innen) suchen – eine Geschichte voller Gefühle, voller Dramatik und fesselnder Figuren. Und man hat das Potential schnell erkannt, adelte die Bände durch eine herausragende optisch, wie haptische Ausstattung mit Prägedruck in Spot-Lackierung und einer tollen Titelbildgestaltung um den Interessenten zum Buch greifen zu lassen. Inhaltlich wartet eine Zukunft auf uns, die auf den ersten Blick, wie eine nur marginal veränderte viktorianische Bühne wirkt. Sowohl von der streng formalisierten Kleidung, als auch vom Umgang miteinander stand hier die Ära deutlich Pate, wobei die Autorin auch gleich die nachvollziehbare Begründung mitliefert.

Gerade zum Auftakt des Romans strömt so einiges an Input auf den Leser ein, hat man sich aber mit dem Hintergrund vertraut gemacht, beginnt das Abenteuer erst richtig. Unsere Ich-Erzählerin ist hier eine ideale Identifikationsfigur. Ein Wildfang ist sie, neugierig und zuverlässig, mutig und bewundernswert tough. Durch ihre neugierigen, manches mal angstaufgerissenen Augen bekommen wir einen sehr intimen Einblick in das höfische Geschehen, auf das Regentenpaar und ihren Sohn. Und wir lernen die beiden aus Paris importierten Agenten kennen – die Duchess Ninon d’Orléans, eine skandalös sich kleidende, schminkende und alle Konventionen, was die Kleidung anbelangt außer Acht lassende Leiterin des Geheimdienstes und den weißen Ritter. Einen Kämpfer, der sich aus den Gassen der Gosse zur Macht im wahrsten Sinne des Wortes hochgekämpft hat.

Hier bricht die Autorin unauffällig, aber sehr deutlich eine Lanze für die Gleichberechtigung, für Chancengleichheit und das Recht auf Selbstbestimmung. Diese zwei Figuren leiten und prägen unsere Protagonistin, die zunächst ein wenig hilflos in der für sie so fremden Welt umherirrt. Dass ihre Sucht sie weiterhin plagt, dass sie manches Mal kaum denken kann, schafft zusätzliche Dramatik, wobei es an dieser, Dank Anschlägen, auch so schon nicht fehlt.

Die zarte Pflanze der Romantik wird dann auch noch gesät, wobei die Schilderungen auch für männliche Leser geeignet sind, sprich nicht zu schwülstig oder kitschig daherkommen. Klar ordnet sich auch dieser Part der spannend und abwechslungsreich ablaufenden Handlung unter, der immer wieder mit neuen Erkenntnissen und Entwicklungen das Interesse und die Spannungskurve hoch hält.

Fazit: Mit dem Auftaktband ist der Autorin ein großer Wurf gelungen. Abseits ausgetretener Pfade unterhält sie in einer ganz eigenen Zukunft packend und temporeich, und macht im finale Cliffhanger Appetit auf den zweiten Band.

C. E. Bernard: Palace of Glass 01: Die Wächterin.
Penhaligon, März 2018.
416 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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