Bruno Schrep: Nachts ist jeder ein Feind: Wahre Geschichten

Schon die erste Geschichte geht mir an die Nieren und macht mich gleichzeitig wütend. Sie handelt von Alexandru Nicolae Talianu, einem Obdachlosen aus Rumänien, der mit 32 Jahren in Hamburg gestorben ist. Warum, frage ich mich, gelingt es in unserem wohlhabenden Land nicht, allen Menschen eine Chance zu geben?

Talianu war kein Engel. Eine Jugend auf den Straßen von Bukarest, Drogen, Alkohol, Kriminalität. Aber er hatte einen Traum von der Zukunft, den er in Deutschland verfolgen wollte und an dem er gnadenlos scheiterte. Und daran war nicht nur er selbst schuld.

Was mich an den Geschichten von Bruno Schrep fasziniert hat, ist ihre Mehrdimensionalität und Vielschichtigkeit. Der Spiegel-Reporter und Autor blickt aus unterschiedlichen Perspektiven auf die „Fälle“, über die er berichtet. Nicht schwarz und weiß oder gut und böse, ohne Voyeurismus, sondern differenziert und konzentriert auf wenigen Seiten. Immer bleibt der Raum für die Leserinnen und Leser, zu überlegen: Wie sehe ich die Sache? Wie hätte ich reagiert?

Manchmal spürt man Sympathie des Autors für die eine oder andere Seite, aber immer bleibt er sachlich und löst gerade dadurch Gefühle in mir aus – allerdings nur selten positive.

Seine wahren Geschichten rütteln auf, wecken ab und an auch Verständnis für die Beteiligten. Ich habe mich nicht nur einmal gefragt: Wie kann so etwas passieren? Was ist hier schiefgelaufen? Aber auch bemerkt: So habe ich das noch nie gesehen.

Bruno Schrep erzählt, was geschehen kann, wenn ein Mann, der nur seine Ruhe haben will auf aufgeputschte junge Männer trifft oder wie fatal sich Gerüchte auswirken können. Er berichtet von einem „Familiendrama“, das – neben den eigentlichen „Opfern“ – auch das Leben einer jungen Frau zerstört und von einem Rechtsstreit über eingefrorene Eizellen.

Oft ist es nicht eindeutig, wer „Opfer“ und wer „Täter“ ist, wer im „Recht“ ist oder im „Unrecht“. Die Rollenzuschreibungen verschwimmen oder sind überhaupt nicht mehr vorhanden. Manches, wie die Geschichte über die Heilpraktiker, die mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentiert haben, wirkt so absurd, dass ich mir – bei aller Dramatik der Situation – ein kopfschüttelndes Grinsen nicht verkneifen konnte.

Die Berichte machen eindrucksvoll deutlich, wie schnell ein Leben kippen kann, aber auch, dass es immer eine Vorgeschichte gibt, – die sich manchmal auf Menschen auswirkt, die daran gar nicht beteiligt waren. Dann ist es Zufall, wer in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Hebel für eine gerechtere Gesellschaft muss schon viel früher angesetzt werden.

Insofern können die Geschichten auch anregen, genauer hinzuschauen; wie Bruno Schrep zu beobachten, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt, aber dabei nicht stehenzubleiben, sondern auf mehr Verständnis, Mitmenschlichkeit und Solidarität hinzuwirken, auf persönlicher wie politischer Ebene.

Bruno Schreps wahre Geschichten „Nachts ist jeder ein Feind“ berühren, verstören, wecken aber auch – zumindest bei mir – den Wunsch, etwas zu verändern. Sie sind keine leichte Kost, aber ich kann sie allen empfehlen, die den Mut haben, über Dinge zu lesen, die man sonst lieber von sich wegschiebt, indem man sie ignoriert oder sich der Sicht einer polarisierenden, unsachlichen Berichterstattung anschließt.

Bruno Schrep: Nachts ist jeder ein Feind: Wahre Geschichten.
Hirzel Verlag, September 2019.
187 Seiten, Taschenbuch, 19,80 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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