Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende

Brigitte Kronauer (Jahrgang 1940) ist tot. Die Schriftstellerin starb am 22. Juli 2019 in Hamburg. Die vielfach Ausgezeichnete gilt als eine der renommiertesten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Einfach zu lesen sind Kronauers Werke nicht. Und das gilt auch für ihr letztes. „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ erschien ein paar Wochen nach ihrem Tod am 9. August 2019 im Klett-Cotta Verlag.

Im Untertitel trägt das Buch die Bezeichnung Romangeschichten. Und so finden die Lesenden fünf Kapitel mit Geschichten vor. Den Anfang mit dem ersten, titelgebenden Kapitel hält Brigitte Kronauer kurz. Hier lässt sie ihre Ich-Erzählerin Charlotte, Schriftstellerin, wie die Autorin selbst, in einem Haus auf dem Land mit blauen Schlagläden, in das sie von einem Ornithologen samt Ehefrau eingeladen wurde, über ein Romanmanuskript mit dem Titel „Glamouröse Handlungen“ brüten. Aber inspiriert von zahlreichen Fachbüchern, Fotos, Zeichnungen und Abbildungen von Vögeln aller Art und langen Spaziergängen in der Natur entdeckt sie in den Vögeln Ähnlichkeiten mit Menschen aus ihrem Leben. Sie entwirft „neununddreißig Porträts zu je dreizehn nach drei Kategorien geordnet…: Das Schöne, das Schäbige, das Schwankende.“ Und schon fließen ihr die Wörter aus der Feder. Die plötzliche und unerwartet verfrühte Rückkehr des Ornithologen-Ehepaares beendet den Schreibrausch.

Kapitel zwei „Die Vögel“ wartet mit den Vogel-Menschen-Porträts auf. Neununddreißig kürzere oder längere Geschichten von Menschen, in dieser wunderbaren und einzigartigen Kronauer-Sprache. Da setzt sich die prächtige Gelbstirnamazone ins Blickfeld der Ich-Erzählerin und drängt ihr ein Gespräch über Ehemänner auf. Oder der Sturzflug des charmanten Quetzal vom begeisternden Vortragsredner zum einsamen, alten Mann. Der ehebrechende wilde Wellensittich, Frau Hannimann, die ihren Mann mit einem Fensterputzer verlässt und trotzdem wieder von der Familie aufgenommen wird. Oder der Witwer Ferdinand Egger, den nur noch das Lied der Amsel zu interessieren scheint. Jedes Porträt ein Mini-Roman.  Kapitel drei „Sonst bürste ich dir die Lippen blutig“ bringt die Wiederbegegnung der Schriftstellerin, die nun unter einer Schreibhemmung leidet und an der Schreiberei grundsätzlich zweifelt, mit einer alten Bekannten Franziska, bei der sie an die Anfänge ihres Schreibens erinnert wird. Kapitel vier taucht tief in die Familiengeschichte der Ich-Erzählerin ein, die die Nachkriegsjahre mit ihrer älteren Kusine Katja reflektiert und deren Einfluss auf ihr Erwachsenwerden. Im fünften und letzten Kapitel wechselt die Perspektive, nun wird der 90jährige, verwitwete Literaturprofessor Waldenburg zum Ich-Erzähler, der in der Betrachtung des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald (entstanden zwischen 1513 und 1516) sein Leben reflektiert und ein (spätes), jedoch nur vorübergehendes Familienglück mit Frau Olga Schmetz und ihrem kleinen Sohn Arya findet.

Schon dieser Abriss spiegelt die Fülle des Buchinhaltes wider. Brigitte Kronauer entwirft ein Figurenkabinett, das hunderte von Romanseiten mühelos füllen könnte. Sie lässt es bei den meisterlich komponierten Kurzgeschichten bewenden, die jede für sich ein Leseerlebnis ist. Hier zeigt sich die Schreibkunst von Brigitte Kronauer: welch‘ köstliche Idee der Vogel-Mensch-Vergleiche. Sie gießt ein Füllhorn über dem Lesenden aus und dieser schnappt nach jedem dieser Mini-Porträts gierig nach Luft, um sehnsüchtig in das nächste einzutauchen.

Und es geht weiter mit den Geschichten rund um die fiktive Schriftstellerin Charlotte, inklusive des Haderns mit dem Beruf und den Wurzeln der Schreiberei in der Biografie.

Am Ende steht die Auseinandersetzung mit einem gelebten Leben in der Figur des Herrn Waldenburg. Einsamkeit, Alter und Tod ziehen sich thematisch durch das Buch. Und so bin ich als Lesende verführt, darin auch den nahen Tod von Brigitte Kronauer selbst verarbeitet zu sehen.

Jedenfalls lässt Brigitte Kronauer in „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ noch einmal teilhaben an ihrer Kunst des Erzählens und Schreibens: „Erinnerungen und Phantasien umstellten mich, wenn ich zwischen den heruntergekommenen Feldern wanderte, von bedrohlichen Hunden erschreckt, von anderen willkommen geheißen an einem schön gewundenen Bachlauf mit mehreren Autowracks, das Blech verrottend, die Vegetation triumphierend aus Ritzen schießend, wenn ich im verholzten Gestrüpp zwischen alten Fruchtständen des Sauerampfers auf ausrangierte Waschmaschinen stieß, verstoßene Kühlschränke und auf magere Pferde, eng umzäunt, in unmittelbarer Nachbarschaft von viel leerem Weideland, das ihnen ohne Sinn, Verstand und Mitgefühl vorenthalten wurde.“ (S. 8)

Einfach zu lesen, ist es nicht. Aber wer sagt denn, dass es das sein sollte?

Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende.
Klett-Cotta, August 2019.
596 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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