Bernhard Kegel: Die Natur der Zukunft

Spannender als jeder Krimi: Bernhard Kegels Sachbücher sind nicht nur höchst informativ, sondern auch mitreißend, spannend und sogar (hoch-) emotional! In diesem Buch führt der mehrfach preisgekrönte Autor seinen Lesern vor Augen, wie sich die Natur mit ihren Bewohnern unter dem Druck von Klimawandel, Umweltverschmutzung und extensiver Landwirtschaft bereits verändert hat und noch weiter verändern könnte. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um Prognosen, sondern um valide Zahlen.

Wir verfolgen das Schicksal von Tieren und Pflanzen, überall auf dem Globus. Es gibt Episoden, die uns zum Lachen bringen, zum Weinen, zum Staunen. Solche, die uns die Zornesröte ins Gesicht treiben und solche, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Kurz: Diese Fakten lassen keinen kalt. Noch dazu, wo Kegel erschreckend aktuelle Zusammenhänge zwischen Pandemien und Umweltzerstörung anführt. Besonders hervorzuheben ist Kegels differenzierte Betrachtung. Die Natur wird es immer geben, aber sie wird nicht mehr so aussehen, wie wir es gewohnt sind. Es gibt Gewinner und Verlierer, Veränderungen, die wir zulassen müssen. Manche Arten sind unwiederbringlich verloren, andere haben erstaunlich intelligente Überlebensstrategien entwickelt. Kegel relativiert nichts, entwirft aber auch keine Weltuntergangsszenarien. Immer wieder zeigt er Exit-Strategien auf, alternative Ansätze, Hoffnungsschimmer. Wo (noch) Leben ist, ist Lösung möglich! Nicht nur deshalb sollte Kegels Buch zum Standardwerk in Schulen werden. Auf Bundestagssitzungen sowieso…

Die Natur ist längst in Bewegung – bedingt durch den Klimawandel wandern immer mehr Arten nordwärts, bergauf oder in Richtung Tiefsee. Dies bringt allerlei Trouble mit sich: heimische Spezies geraten unter Konkurrenzdruck, Parasiten und Viren werden eingeschleppt, Ökosysteme drohen zu kollabieren. Besonders bedenklich sieht es in den Meeren aus. Überall geraten durch gestiegene Temperaturen bewährte symbiotische Beziehungen aus dem Gleichgewicht. Manche Arten richten ihren Fortpflanzungszyklus nach den Temperaturen aus, manche nach dem Stand der Sonne. Folge: Tierkinder werden zu früh oder zu spät geboren, wenn das dazugehörige Fressen entweder noch nicht da oder schon wieder weg ist. Davon betroffen sind Karibus, Zugvögel oder manche Fischarten, die bereits schlüpfen, noch bevor sich ihre Futterquelle, das Phytoplankton, entwickeln konnte.

In Episoden geleitet uns der Autor durch alle Kontinente und Vegetationszonen, von den Tropen zu den Polen. Zwischen spaßigen „Horror-Weberknechten“ (mit 18 Zentimetern Spannweite!), todtraurigen Walross-Suiziden und Hoffnungsträgern wie den Bayreuther-Versuchsfeldern, die sogar Jahrhundertdürren überstehen, wird uns Lesern die Forschung der „Climate Change Biologie“ so informativ wie spannend dargelegt. Fest steht: Die Natur wird sich verändern, Arten aussterben und durch andere ersetzt werden. Es gibt auch Profiteure des Wandels. Dumm nur, dass viele von ihnen, wie Tigermücken oder Zecken, nicht gerade zu unserem Lieblingsschmusetieren gehören. Gegen Ende des Buches folgen schockierende Erhebungen – ob in Bezug auf Pandemien oder in Bezug auf die Biodiversität. Im langsam auftauenden Permafrostboden lauern eiszeitliche Erreger, die Seuchen nie gekannten Ausmaßes einläuten könnten. „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ lässt grüßen …

„Double whammies“ oder „Regime shifts“ sind Schlagworte, die wir bald wohl öfters hören werden. Sie sind essenziell, um die komplexen Veränderungen von Ökosystemen zu verstehen. Betrachtet man Kegels detailliertes Quellenverzeichnis, drängt sich die Frage auf, warum so vieles davon in den Medien nicht sichtbar gemacht wird. Genau deshalb bedarf es solch ambitionierter Buchprojekte, wie die des Biologen und Chemikers Bernhard Kegel, der auch als ökologischer Gutachter und Lehrbeauftragter tätig ist.

Fazit: Sachbuch, Thriller, (real) Science-Fiction: So muss Wissenschaft vermittelt werden! Fundiert, empathisch und äußerst spannend geschrieben. Angesichts der schockierenden Tatsache, dass 94 Prozent aller Tierarten ausgestorben sind, seit der Mensch die Erde betreten hat, sollte jeder dieses Buch lesen! Denn es gibt jede Menge Lösungen. Die Natur ist widerstandsfähiger, als angenommen. Viele der heute noch existierenden Pflanzen und Tiere haben bereits andere Massenaussterben der Erdgeschichte überlebt. Sie haben Erfahrungen damit. Der Mensch nicht.

Bernhard Kegel: Die Natur der Zukunft.
DuMont Buchverlag, April 2021.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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