Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Sie heißen Lonesome George, Incas, Martha. Sie sind Endlinge. Ein Begriff, der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt. Diese Tiere sind die letzten ihrer Art gewesen. Ausgestorben, hauptsächlich durch menschliches Zutun. Ob Dodo, Quagga, Koalalemur, Rosenkopfente, Waldrapp, Mondnagelkänguru, Bodensee-Kilch, Uraniafalter oder Pinta-Riesenschildkröte: In 50 Steckbriefen – untermalt mit herrlichen Illustrationen berühmter Naturmaler des 19. Jahrhunderts, zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek Berlin – gibt der studierte Biologe Kegel dem Artensterben Gesichter. Plus dramatische Hintergrundgeschichten. Diese rufen insbesondere bei Tierfreunden Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut hervor. Er untermauert die Schicksale mit allgemeinen Informationen zur Defaunation, Overkill-Hypothese, Koextinktion, biologischen Sonderwege auf Inseln und die Bemühungen der Forscher, ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel durch genetische Experimente. Doch Erfolg hat bisher keine der Methoden erbracht. Damit hat das Zitat von Artur Schopenhauer leider nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“

Absolut dumm verhält sich der Mensch in Bezug auf das Artensterben. Daran lässt das Buch keinerlei Zweifel. Neben den offensichtlichen Gründen wie der Zerstörung des Lebensraumes oder der (Vergnügungs-) Jagd zeichnen auch kopfloses Verhalten sowie tragisch-komische Aspekte für das Artensterben verantwortlich. Beispiel: Noch 1822 war Hawaii praktisch frei von Stechmücken und damit übertragbaren Krankheiten. Bis vier Jahre später das britische Schiff Wellington von Mexiko aus kommend auf der Insel Maui Halt machte, um ihren Trinkwasservorrat aufzufüllen. Ihr abgestandenes, mit Mückenlarven durchtränktes Wasser kippten sie in einen Bachlauf. Fortan hatte nicht nur die heimische Bevölkerung unter den gefährlichen Fliegen zu leiden, sondern vor allem die heimische Vogelwelt wie der Hawaii-Akialoa, welcher der über die Stechmücken übertragenen Vogelmalaria zum Opfer fiel.

Fast 91 Prozent aller ausgestorbenen Vögel und 60 Prozent aller ausgestorbenen Säugetiere haben auf Inseln gelebt. Sie haben sich an die dortigen Verhältnisse angepasst, evolutionär spezialisiert und zum Beispiel in Ermangelung von Fressfeinden das Fliegen eingestellt. Durch Siedler eingeschleppte Krankheiten, Nutztiere und Fressfeinde wie Katzen, Hasen oder verwilderte Hunde führten zur Auslöschung ganzer Populationen. Doch erschreckende Beispiele zeigen, dass dem Vernichtungszug des Homo sapiens auch riesige Populationen zum Opfer fallen können. Wie bei der Wandertaube. Noch 1866 soll es 14 (!) Stunden gedauert haben, bis ein einzelner Schwarm durchgezogen war. Es gab Milliarden dieser Vögel in Nordamerika, nur 30 Jahre später war sie im Freiland ausgestorben. Fischarten, die im Genfer See oder Bodensee einst so zahlreich vorkamen, dass ihnen keiner Beachtung schenkte, sind praktisch lautlos von unserem Planeten verschwunden.

Die 50 Steckbriefe liefern neben dem mitunter aufrüttelnden Informationstext kurze biologische Fakten wie Vorkommen, Jahr des Aussterbens oder Gründe, die zum Aussterben beigetragen haben.

Zwar befinden sich darunter auch Tiere wie das Wombat oder das Wollhaarnashorn, die bereits vor tausenden von Jahren ausgestorben sind, doch die Mehrzahl im Buch vorgestellten Tiere hat noch bis zum 19. oder 20. Jahrhundert gelebt. Hierbei sticht besonders der tragische Spagat zwischen den lieblichen Naturbildern, die zum Teil von Naturforschern wie John James Audubon gezeichnet wurden und den düsteren Fakten ins Auge, was diesem Sachbuch eine ganz besondere Dramatik verleiht. Es kann kein Zufall sein, dass das größte und teuerste Buch aller Zeiten das Werk „The Birds of America“ von Aubudon ist, dessen Zeichnungen auch einige der mittlerweile ausgestorbenen Vogelarten beinhalten.

Wie schon in seinen Büchern Ausgestorben, um zu bleiben und Die Natur der Zukunft schafft es der Autor, Biologe, ökologischer Gutachter und Lehrbeauftragte Bernhard Kegel Wissenschaft so spannend wie einen Krimi darzustellen. Das Subjekt des Sachbuchs verlässt er dabei nie, doch er hat ein Händchen für kurze, prägnante Fakten, sanfte Ironie, Sätze und Beispiele, die beim Lesen aufrütteln, anecken, nahezu schmerzen. Dieses Buch zeigt aufschlussreich, um wieviel ärmer unser Planet bereits geworden ist! Aber er zeigt auch, dass jedes Tier im Ökosystem eine Lücke hinterlässt, der koexistierende Arten und Pflanzen zum Opfer fallen. Und damit letztendlich auch der Mensch. Stichwort: Bestäuber! Jedes Tier hinterlässt auch eine Lücke im Herzen der Menschen, die es erst vermissen, wenn es bereits oder fast zu spät ist. Darum wird das Horn von Nashörnern gefärbt oder entfernt, darum werden Spix-Aras in aufwändigen Zucht- und Auswilderungsprogrammen zu retten versucht, Genome entschlüsselt, Abbildzüchtungen betrieben.

Fazit: Sie denken ein Sachbuch könnte Sie emotional nicht mitreißen? Falsch. „Darwin schwante schon damals nichts Gutes. Die Falklandfüchse zeigten sich dem Menschen gegenüber so naiv, dass man sie mit einem Stock erschlagen konnte… (…) … Er sollte recht behalten. 42 Jahre dauerte es, bis schafzüchtende Siedler sich den lästigen Konkurrenten für immer vom Hals geschafft hatten.“ (S.38)

Bei Textstellen wie diesen müssen viele Tierliebhaber die Lektüre kurz zur Seite legen, um ihren Blutdruck wieder unter Kontrolle zu bringen. Bernhard Kegels Bücher sollten zur Pflichtlektüre in Schulen werden – und bei Politikern sowieso. Denn er gibt bloßen Zahlen ein Gesicht. Und macht das Artensterben emotional spürbar. Nicht zuletzt erweist er diesen Naturwundern die letzte Ehre beim Kampf gegen das Vergessen. Einfach großartig!

Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere.
DuMont Buchverlag, Oktober 2021.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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