Bernhard Kegel: Ausgestorben, um zu bleiben

Sie leben! Obwohl vor 65 Millionen Jahren ausgestorben, sind sie omnipräsent auf Kinoleinwänden, in Kinderzimmern und in der Populärkultur anzutreffen. Das Kuriose: Es gibt kaum ein Buch für Erwachsene, welches fundiert über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse berichtet. Die stellen unser bisheriges Bild der Dinosaurier komplett auf den Kopf! Bernhard Kegel schließt mit seinem hochinteressanten, gewitzten Buch diese fast schon skandalöse Lücke. Dinosaurier waren weitaus friedliebender, kleiner, intelligenter und gefiederter als bislang angenommen. Ja, sie leben wirklich noch… millionenfach mitten unter uns! Denn Vögel und Dinosaurier sind nicht weitläufig miteinander verwandt – unsere gefiederten Freunde SIND Dinosaurier.

Vorsicht Spoiler: Freunde handfester Dino-Action müssen nun ganz tapfer sein. „Dinos ähnelten eher Rotkehlchen als Krokodilen“, wird der Paläontologe James Horner im Buch zitiert. Diese Aussage untermauert Bernhard Kegel auf vielerlei Art. Ausschlaggebend waren die sensationellen Jehol-Funde in China ab Mitte der 1990er Jahre. Konservierte Federn, mit Flaum bedeckte Raubdinosaurier inklusive pneumatischer Skelette und weiterer „vogelexklusiver“ Merkmale. Folge: 2017 wurde eine neue Einteilung der Dinosaurier vorgeschlagen. Stammbäume sollen neu geschrieben werden.

Gewiss, Dinosaurier haben im Laufe der Paläontologie schon öfters ihre Gestalt gewechselt. Museen mussten ihre Skelette teils völlig neu aufbauen. Aus Vierbeinern wurden Zweibeiner, ein Stirnhorn verwandelte sich zum Daumendorn. Die wohl erstaunlichste Erkenntnis aus Kegels Flashback zeigt, dass unser Bild von Dinosauriern fast vollständig durch die Unterhaltungsindustrie geprägt wurde. Durch Filme, Spielzeug und Merchandising-Artikeln. Das jeweilige Bild der Dinosaurier war nicht nur abhängig vom Stand der Technik, sondern auch vom jeweiligen Zeitgeist.

Kegel greift sich dabei die wichtigsten Stationen der Paläontologie heraus. Erstes Kuriosum: In der von Männern dominierten Wissenschaft war es ausgerechnet eine Frau, die bettelarme 12-jährige Tischlertochter Mary Anning, welche ab 1811 durch drei Sensationsfunde das Forschungsgebiet der Paläontologie einleitete. Kegel begleitet die Pioniere der Forschung, die noch gegen die Kirche und deren Festhalten an der Schöpfungsgeschichte ankämpfen mussten. Er beschreibt den ersten Dinosaurierhype, in Folge der Weltausstellung von 1851. Er begleitet die tapsigen Versuche der Urzeitmonster über die Stummfilm-Leinwand, zeigt Werke der berühmtesten Paläokünstler, streift absurde Randerscheinungen wie Paläopornos. Einen Meilenstein markiert das Jahr 1993 mit dem Erscheinen von Steven Spielbergs Kinohit Jurassic Park. Ab diesem Zeitpunkt trennen sich Wissenschaft und Populärkultur komplett. Hollywood hält noch immer an den blutrünstigen, beschuppten Riesenechsen fest, obwohl die moderne Paläontologie heute ein völlig anderes Bild zeichnet. Warum erfährt die Öffentlichkeit davon so wenig?

Um dies zu verstehen, holt Kegel noch einmal aus und geht auf die geografischen und klimatischen Besonderheiten des Erdmittelalters ein. Dabei rückt er einige Dimensionen zurecht und kratzt am Image der „Ehrfurcht einflößenden Echsen“. Der T-Rex war kaum schwerer als ein ausgewachsener Elefant. Zudem spricht alles dafür, dass er ein Aasfresser und kein Killergigant war. Die meisten Dinosaurierarten waren keine Riesen, sondern schwankten zwischen Truthahngröße und Antilope. Doch die notorisch von Geldmangel geplagte Dinosaurierforschung unterstützte die Ausgrabung von großen Tieren, die möglichst aufsehenerregend in Museen aufgebaut werden konnten und mit den Urängsten der Menschen spielten. Dabei entsprach ein Tag im Erdmittelalter eher einem Blick in den Serengeti-Nationalpark, als in eine urzeitliche Gladiatorenarena.

Als wäre das alles nicht schrecklich genug, weil es den Riesenechsen den Schrecken nimmt, kommt dann auch noch die Sache mit den Vögeln ins Spiel. „Vögel sind Dinosaurier, so wie wir Menschen Säugetiere sind.“ Die Ähnlichkeit zu Vögeln betrifft allerdings nicht nur die Optik, sondern auch die Charakteristika. Der Dino „Mei long“ wurde in vogeltypischer Schlafposition – mit nach hinten gedrehten Kopf, der unter den gefiederten Vorderextremitäten verborgen lag – gefunden. Wie putzig! In Colorado gibt es Spuren, die auf einen Balztanz gefiederter Theropoden hindeuten. Weitere Funde belegen, dass manche Dinosaurierarten Kindergärten gebildet oder in Wüstenregionen ihrem Nachwuchs durch ihre gefiederten Arme Schatten gespendet und Luft zugefächelt haben. Das Bild vom eiskalten Killer ist also längst kalter Kaffee…

Kalter Kaffee, der uns ständig brühwarm in modernsten CGI-Effekten aufgetischt wird. 85 Prozent aller heute bekannten Dinosaurierarten erhielten ihren Namen erst nach 1990 – also nachdem Hollywood das Bild der Killergiganten bereits auf der Leinwand zementiert hatte. Der oben zitierte James Horner hat Steven Spielberg bei seiner Jurassic-Reihe beraten. Allerdings größtenteils erfolglos. Wurden viele Forschungsergebnisse bereits 1993 aus dramaturgischen Gründen (hier kämpften Dinos gegeneinander, die durch Urkontinente und Jahrmillionen voneinander getrennt lebten) unter den Tisch gekehrt, stehen die neuesten Erkenntnisse gar nicht zur Diskussion. „Gefiederte Dinosaurier sind einfach nicht so gruselig“, soll Spielberg geantwortet haben. Oder wie Autor Bernhard Kegel in seiner lakonischen Art zufügt: „Sie können eine Rolle nicht mit Arnold Schwarzenegger besetzen und dann in der Fortsetzung durch Otto Waalkes ersetzen.“

All diese Informationen bereitet der mehrfach ausgezeichnete Berliner Autor fundiert, interessant und leicht verständlich auf. Hinterlegt mit über 55 Abbildungen von Ausgrabungsfotos über Filmplakate bis zu Paläokunst, Diagrammen und Skulpturen. Als Krönung noch der typische Wortwitz Kegels. Selten war Wissenschaft so amüsant, so unterhaltsam. Und so wichtig: In punkto Fortschritt hat das Buch seinen Gegenspieler, den Film, nicht nur meilenweit, sondern um Jahrmillionen überholt!

„Ausgestorben, um zu bleiben“ ist Wissenschaftslektüre im allerbesten Sinne. Ein Sachbuch, das der Sache wirklich dient. Faszinierend, unterhaltsam, investigativ. Gehen Sie ruhig weiter ins Kino und lassen sich von Spezialeffekten berieseln. Die wirklich spannenden Geschichten finden längst woanders – in Labors, Ausgrabungsstätten, Museen – und zwischen den Zeilen statt.

Bernhard Kegel: Ausgestorben, um zu bleiben.
DuMont Buchverlag, April 2018.
270 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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