Bernhard Heckler: Das Liebesleben der Pinguine

Auf nur 200 Seiten fasst Bernhard Heckler ebenso knackig wie treffsicher das Liebes- und Lebensdilemma einer ganzen Generation zusammen. Seine Mittdreißiger sind gut darin, sich auf Instagram, Tinder oder in Fitnessstudios zu inszenieren. Ob durch Steroide, Haartransplantationen, Ghostwriter – was tut man nicht alles, für Fame und Follower? Mit der Realität hat dies allerdings wenig gemein. Auffallend ist, dass alle auf eine gewisse Art ihrem eigenen Körper entfremdet sind. Die einen sprichwörtlich, durch Magersucht, durch Extrem-Bodybuilding, durch Partydrogen. Die anderen auf sexueller Ebene. Sie pendeln zwischen den Geschlechtern, handeln widersprüchlich, laufen vor sich selbst davon, zur Not bis nach Addis Abeba. Als stilistischen Schachzug setzt der Autor diesen von ihrer Natur entfremdeten Akteure die Welt der Pinguine gegenüber. Die bleiben im Gegensatz zu den wankelmütigen menschlichen Beziehungen ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Noch dazu betritt im Buch ein echter Pinguin namens Ophelia das literarische Parkett.

Niko und Sascha waren seit Kindertagen befreundet. Im Alter von 15 Jahren kommt Sascha mit der schönen Nura zusammen, fährt dann über den Sommer nach Italien. In der Zwischenzeit funkt es zwischen Niko und Nura, was zum Bruch zwischen den Freunden führt. Achtzehn Jahre später begegnen sich beide wieder. Über die Dating-Plattform Grindr verabreden sie sich unwissentlich zu einem homoerotischen Date. Plötzlich erscheint das Gewesene in einem völlig anderen Licht: Haben beide damals mehr als nur Freundschaft füreinander empfunden?

Während Sascha um die Welt tingelt, arbeitet Niko bei einer Firma für Nahrungsmittelergänzungen und ist selbst damit beschäftigt, sich permanent zu optimieren. Nura optimiert wiederum als Ghostwriterin die Profile ihrer Kunden auf Dating-Portalen. Während es in der digitalen Welt gut läuft, hat die Verwirrung in der Realität nicht abgenommen. Wer bändelt mit wem an? Verantwortung oder Abenteuer? Hetero, homo oder bi? Das sind die großen Fragen.

Vierter im Bunde ist Franco, der seine Kindheit in den Fängen seines Mafiosi-Onkel in Kalabrien verbracht hat. Mit seiner verbotenen Liebe ist er nach Deutschland geflohen. Tagsüber ist er Gärtner, nach Feierabend quält er seinen Körper für den nächste Strongman-Wettbewerb bis zum Äußersten. Er trifft auf die Libanesin Jamila, seinem Spiegelbild. Während Franco immer mehr Muskelmasse zulegt, scheint Jamila durch ihre Magersucht immer mehr zu verschwinden. Gemeinsam geben sie ein fragiles Paar ab. Können sie es schaffen?

Der 1991 in München geborene Autor Bernhard Heckler trifft mit seiner Sprache den Nerv der Zeit. Nicht nur, dass ganze Dialoge über Messenger-Funktionen abgehalten werden. Auch seine schnelle und schnörkellose Sprache spiegelt dies wider. Kurze Sätze, Szenen klar auf den Punkt gebracht, treffsicher platzierter Humor. Die Digitalisierung hat mehr Möglichkeiten geschaffen, einfacher ist die Liebe dadurch wahrlich nicht geworden! Wer bin ich und was will ich? Diese Antwort liefern weder Likes noch Matches.

Fazit: Souverän, schnell und schnörkellos bringt Bernhard Heckler das Liebes- und Lebensgefühl der Smartphone- und Tinder Generation auf den Punkt. Im Netz top, in der Realität Flop.  Und obwohl es diverse Parallelen zwischen Hipstern und Pinguinen gibt – beide „cornern“ gerne, stehen in der Gegend herum und scheuen den Sprung ins kalte Wasser – scheinen die Seevögel in einigen Belangen den Schnabel vorn zu haben…

Bernhard Heckler: Das Liebesleben der Pinguine.
Tropen, März 2021.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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