Bernadette Schoog: Marie kommt heim

Marie kommt heim, weil ihre alte Mutter im Sterben liegt. Die Aussicht, dass sie für einen Abschied nur noch wenig Zeit habe, verunsichert und irritiert sie. Wie soll sie sich von einer Mutter verabschieden, mit der sie sich nie verstanden und der sie nievertraut hat? Marie war acht Jahre lang ein Vaterkind und als dieser verstarb, gab es nur noch sie beide, jede für sich allein und doch eine Zwangsgemeinschaft ohne Liebe und Verständnis.

Der räumliche und zeitliche Abstand zur Mutter muss für diesen Abschied irgendwie überwunden werden. Aus diesem Grund lässt sich Marie für das Wiedersehen Zeit. Sie sieht die alte Heimat in ihrer Enge, den unvermeidlichen Andrang von Pilgern, und sie erinnert sich. Alles zusammen führt zu den Gedanken, nur schnell weg von hier. Kurz bei der Mutter vorbeischauen, Abschied nehmen und dann endlich weg, zurück in ihr beschauliches Zuhause. Womit Marie nicht rechnet ist, dass sie nach ihrem Besuch auf einmal den Wunsch verspürt zu bleiben und eine Versöhnung mit der Mutter zu versuchen. Dies ist der Moment, in dem Marie dann wirklich heimkommt, mit allen schlechten aber auch mit allen guten Erinnerungen.

Bernadette Schoog dürfte keine Unbekannte sein. Nach ihrem Studium arbeitete sie über viele Jahre als Dramaturgin an verschiedenen Schauspielhäusern und ab Mitte der 1990er Jahre konnte man sie in verschiedenen Fernsehformaten sehen. Inzwischen hat sie mehrere Biografien aus der Kunstszene geschrieben und führt die Gesprächsreihe mit Prominenten „Schoog im Dialog“. In dem Romandebüt ist von all ihren Erfahrungen etwas zu spüren: der Sinn für dramatische Entwicklungen und die Zeichnung einer Protagonistin, die sich in der Theater- und Literaturszene wohlfühlt.

In ihrer Schlussbemerkungen schreibt sie, dass sie letztendlich über zehn Jahre gebraucht habe, um ihr Debüt in die jetzige Form zu bringen. Sie habe sich den Wallfahrtsort als Ausgangssituation ausgesucht, um zu zeigen, wie das Leben der Anwohner geprägt wird, die jährlich mit zigtausenden Pilgern zu tun haben. Heil suchen und Heil finden, gelingt Marie nur teilweise. Sie wollte nie wie ihre Mutter werden; sie wollte raus, in Freiheit leben, alles kennen lernen, ohne moralischen oder religiösen Dünkel lieben. Was sie erlebt hat, erfährt die Leserin, der Leser in vielen Rückblenden, deren Schlüsselszenen alles andere als fremd erscheinen. Marie repräsentiert eine Frauengeneration, die sich einerseits als eigenständig wahrnimmt, jedoch andererseits dem einen oder anderen Mann gefallen möchte. Sie will geliebt werden und geht für diese Sehnsucht Kompromisse ein. Die Befürchtung, durch eine jüngere, schönere oder dünnere Frau ersetzt zu werden, beschreibt eine tiefe Verunsicherung und die Überzeugung, nie genug zu sein. Und wenn es mit der Beziehung dann nicht mehr funktioniert, dann kommen die Schuldvorwürfe der älteren Generation, als läge jedes Problem nur bei den Frauen, während gleichaltrige Frauen von der angeblich perfekten Liebe schwärmen. Marie hat sich für einen eigenen Weg entschieden. Vielleicht funktioniert nur diese Version, weil es in der Gesellschaft nur ein Entweder-oder zu geben scheint.

Bernadette Schoog: Marie kommt heim.
Alfred Kröner Verlag, März 2022.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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