Benjamin Myers: Offene See

Dies ist ein Tipp des  Buchhändlers meines Vertrauens. Er hat sich bei mir selten geirrt. Bei „Offene See“ war ich anfangs nicht so sicher, vielleicht lag es daran, dass uns momentan so viel quält, eben die Corona Auswüchse in allen Bereichen des Lebens. Aber nach und nach, und das ist das Gute bei der Literatur, vergisst man zeitweise über die Lektüre den ganzen Scheiß um sich herum. Es ist die Geschichte (als Ich-Erzählung) des Robert Appleyard, der sich 1946 auf den Weg macht. Ich betone „auf den Weg macht“! Denn darum geht’s: er verlässt nach den traumatisierenden Kriegsjahren als 16 Jähriger sein Elternhaus in Nordengland, die Gegend der Schlote und Kohlereviere – weil  Robert eben (noch) keine Lust hat  auf den Schacht, wie vorher sein Vater, etc.. Er wandert seiner Nase nach und erreicht irgendwann das Meer. Unterwegs lebt er als Tagelöhner, Erntehelfer, Zimmermann, eben alles was so kommt.

Eines Tages folgt er einem Pfad, der immer dichter und undurchdringlicher wird und doch liegt überraschenderweise am Ende des Weges ein Häuschen. Dulcie lebt hier, doppelt so alt wie Robert und wie sich nach und nach herausstellt, über alle Maßen klug und unkonventionell. Sie lädt Robert ein zum Tee, als hätte sie schon immer auf ihn gewartet. Und nun entwickelt sich das, was in der Literatur häufiger vorkommt (z.B. „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger): Robert  wird „eingewiesen“ in Lebenskunst und Lyrik. Hier geht es nicht um Erotik oder Liebe oder dergleichen, es geht um den Blick in den Garten, aufs Meer, in die Welt. Robert ist anfangs noch etwas vorsichtig, denn er glaubt ja tatsächlich noch nicht, dass hier sein Weg zu Ende ist. Aber er wird wieder hier enden. Ist eine schöne Sommerlektüre mit dem Hang zum Pathos für Natur und Lyrik.

Benjamin Myers: Offene See.
DuMont Buchverlag, März 2020.
270 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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