Beate Sauer: Der Hunger der Lebenden. Ein Fall für Friederike Matthée

Juni 1947: Im Bergischen Land, unweit von Köln, wird die Hofbesitzerin und ehemalige Polizistin Ilse Röder ermordet. Vier Schüsse direkt ins Gesicht haben ihre Schönheit zerstört, die viele Männer bewundert haben. Franziska Wagner, ein junges Mädchen mit einem langen Vorstrafenregister und viel Wut im Bauch, wird mit einer Pistole in der Hand neben der Toten gefunden. Für Hauptkommissar Heimerzheim, der die Ermittlungen leitet, ist der Fall klar, vor allem, als herauskommt, dass Ilse Röder für die Einweisung von Franziska Wagner in ein Polizeiliches Jugendschutzlager verantwortlich war. Zudem wurde Franziska Tage vor der Tat in der Nähe des Hofes gesehen. Doch Friederike Mathée von der weiblichen Polizei in Köln beginnt bald daran zu zweifeln. Sie fängt an – teilweise auch auf eigene Faust – Informationen über Franziska und über Ilse Röder zu sammeln. Bei einer Polizeiaktion lernt sie die kleine Elli kennen, die gemeinsam mit Franziska in einer verfallenen Fabrik Unterschlupf gefunden hat und Friederike ganz neue Facetten der jungen Frau zeigt. Und als die Obduktion ergibt, dass Ilse Röder vor Kurzem ein Kind geboren hat, obwohl ihr Mann in Russland vermisst wird, kommen neue Verdächtige ins Spiel.

Währenddessen bereitet Richard Davies sich in England auf den Abschied aus der Royal Military Police vor. Nur noch wenige Monate, dann kann er seinen Traum verwirklichen und Medizin studieren. Eine Rückkehr nach Deutschland kommt für ihn nicht in Frage, auch wenn er Friederike, mit der er im letzten Winter gemeinsam in Köln ermittelt hat, nicht vergessen kann. Er kann nicht verzeihen, was „die Deutschen“ seiner Familie angetan haben. Doch dann werden nicht weit von Ilse Röders Hof entfernt drei Leichen geborgen, die im Wald verscharrt waren. Schnell stellt sich heraus, dass es sich um drei vermisste Piloten der Royal Air Force handelt, deren Flugzeug im November 1944 abstürzte. Allerdings starben sie nicht an den Folgen des Absturzes, sondern wurden erschossen. Richard übernimmt den Fall und trifft dabei auf Friederike. Nach und nach wird deutlich, dass es eine Verbindung zwischen beiden Fällen gibt.

Friederike und Richard beginnen wieder zusammen zu arbeiten. Doch die Harmonie ist brüchig, denn die Vergangenheit steht zwischen ihnen und stürzt Friederike bald in ein moralisches Dilemma.

Wie im ersten Band von Beate Sauers Reihe um Friederike Mathée, stehen die Folgen des Krieges im Mittelpunkt der Szenerie. Armut, Hunger, gebrochene Menschen und zerstörte Gebäude, aber auch Aufbruch und neuer Mut prägen die Atmosphäre. Die Kriegsverbrechen sind noch längst nicht aufgearbeitet, Kinos spielen wieder Filme, Kinder stehlen Gemüse, der Schwarzmarkt blüht und in den Ruinen eröffnen Geschäfte. Die Leserinnen und Leser können den Alltag im Jahr 1947 hautnah und plastisch beschrieben miterleben.

Den Kriminalfall prägen zahlreiche Wendungen, die für Spannung sorgen, aber mir persönlich gibt es dabei mindestens einen Zufall zu viel.

Nichtsdestotrotz ist für mich „Der Hunger der Lebenden“ ein äußerst lesenswertes Buch, das seine Stärken in der detaillierten Schilderung der Nachkriegszeit und der inneren und äußeren Kämpfe der Figuren hat. Die Krimihandlung ist darin gut eingebettet, scheint mir aber nicht an allen Stellen ganz plausibel. Auch wer Friederike Mathée und Richard Davies noch nicht aus dem ersten Band kennt, kommt gut zurecht, aber um tiefer in die psychologisch fein ausgearbeiteten Protagonisten einsteigen zu können, ist es empfehlenswert, auch „Echo der Toten“ zu lesen.

Beate Sauer: Der Hunger der Lebenden. Ein Fall für Friederike Matthée.
Ullstein, Januar 2019.
432 Seiten, Taschenbuch, 13,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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Ein Kommentar zu “Beate Sauer: Der Hunger der Lebenden. Ein Fall für Friederike Matthée

  1. Hallo,

    den ersten Band fand ich sehr, sehr gut, deswegen werde ich den zweiten sicher noch lesen. 🙂 Mir hat im ersten Band besonders gut gefallen, was für einen lebendigen Einblick man in die Zeit bekommt.

    Ich bin froh, dass Richard Davies wieder dabei ist, ich finde gerade die Dynamik zwischen Richard und Friederike sehr interessant.

    Aber oje, oje… Ich kann es in Krimis ja nicht leiden, wenn Kommissar Zufall mitermittelt… Dennoch, in diesem Fall hält mich as nicht davon ab, das Buch zu lesen. 😉

    LG,
    Mikka

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