Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

„… Carla war tot. Rita war tot. Meine Mutter war tot. Um mich herum stapelten sich die toten Frauen. All die Namen, die ich in meinem Heft notiert hatte. All die vergeudeten Leben.“ (S. 207)

Die junge Anwältin und Ich-Erzählerin könnte in São Paulo Karriere machen, doch ihr Engagement gilt den Frauen, die gewaltsam gestorben sind. Es sind viel zu viele Fälle, in denen die Täter straffrei ausgehen. Sie kennt die Choreographie der Gewalt zu genau. Zuerst kommen harte Worte und Beleidigungen, dann Handgreiflichkeiten, die bis zum Mord ausufern.

Kurz bevor sie sich nach Acre schicken läßt, einem Ort im Amazonasgebiet, bekannt für Kautschukgewinnung, Drogenhandel und der landesweit höchsten Sterberate für Frauen, erlebt sie ein ähnliches Muster für Bedrohung bei ihrem Freund. Seine grundlose Eifersucht, eine Ohrfeige und Beschimpfungen wollen zu ihrem Traummann so gar nicht passen. Der Auftrag, Daten für ein Buch über Gerichtsfälle zu sammeln, schenkt ihr die nötige Distanz. Sie fühlt sich wieder sicher, bis sie einem etablierten System der Gewalt gegenübersteht. Der brutale Mord einer 14-jährigen Ureinwohnerin durch drei junge weiße Männer aus der oberen Gesellschaftsschicht zeigt der Erzählerin, wie Justiz, Strafverfolgung und Presse für die Freilassung und den guten Ruf der Angeklagten sorgen.

Der Kontakt zu der Familie des Opfers führt die Erzählerin in den Urwald, und sie begreift, dass viel mehr auf dem Spiel steht als die Rechte der Opfer. Sie muss sich erinnern, Verdrängtes aus ihrer Kindheit zerren, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Weiterlesen

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Lenz Koppelstätter: Das dunkle Dorf

Kommissar Johann Grauner ermittelt mit seiner Assistentin Silvia Tappeiner und seinem aus Neapel stammenden Kollegen Claudio Saltapepe im Grödnertal in Südtirol.

Es ist Winter, als im Ort Wolkenstein der Dorfpolizist Klaus Höller erschossen in einem Hotelzimmer aufgefunden wird. Seltsamer Weise hat der Leiche jemand Gräten eines Knurrhahnes in den Mund gesteckt. Zur selben Zeit verschwindet Grauners Tochter Sara. In ihrem Zimmer finden Grauner und seine Frau Alba ein Drogenlager in Tupperdosen. Es handelt sich um Carfentanyl, eine synthetische, hochgradig gefährliche Substanz.

Grauner darf sich wegen angeblich drohendem Burnout eine Auszeit nehmen, in der er gemeinsam mit seiner Frau nach Sara sucht. Zeitgleich kristallisieren sich Verbindungen der Südtiroler Polizei zur Mafia heraus. War Höller darin verwickelt?

Grauners Kollege Saltapepe taucht unter, weil er in Neapel einen Mafiaboss hinter Schloss und Riegel gebracht, aber auch misshandelt hat und er dessen Tochter jetzt im Grödnertal entdeckt. Besagte Paten-Tochter ist stumm, fährt mitten im Winter in Südtirol mit dem Motorrad herum, begleitet von DEM Paten-Sohn der russischen Mafia. Den erkennt man leicht an drei tätowierten Kreuzen im Gesicht. Die russische und die italienische Mafia wollen ein großes Drogengeschäft einfädeln. Eine Drehscheibe soll Gröden werden. Grauner, seine Tochter Sara, deren Freund Micky, Grauners Frau Alba und Saltapepe sind alle auf irgendeine Weise darin verwickelt. Weiterlesen

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Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

Einen warmherzigen, humorvollen und atmosphärisch dichten Roman legt der deutsche Journalist Alexander Gorkow (54) vor: „Die Kinder hören Pink Floyd“.

Der gebürtige Düsseldorfer, der für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, beschreibt darin auf liebevolle Art seine eigene Kindheit in den 70er Jahren im Rheinland.

Der Vater, der etwas rechthaberisch über die Familie herrscht, hütet die Stereoanlage im Wohnzimmer, während sich die Mutter unterordnet und die 16-jährige Schwester mit Herzfehler den Part der Aufmüpfigen übernimmt. Der zehnjährige Ich-Erzähler hat mit dem eigenen Stottern und mit diversen anderen altersgemäßen Problemen zu kämpfen.

Die ZDF-Hitparade und Rainer Barzel kommen genauso vor wie The Sweet, ein prügelnder Pfarrer oder die berühmte hydraulische Federung beim Citroen DS. Weiterlesen

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Jutta Mehler: Mord mit Puderzucker

Ein herziger, unterhaltsamer Krimi für ein verregnetes Wochenende – ausreichend spannend und abwechslungsreich, wenn auch ohne größeren Tiefgang.

Die drei betagten Hobbydetektivinnen Thekla, Hilde und Wally entdecken im Nationalpark Bayrischer Wald einen Toten im Tannenbaum. Dummerweise stellt sich heraus, dass der Tote der neue Lebensgefährte von Wallys Tochter Christina ist. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch, weil die Damen grundsätzlich gerne Kriminalfälle lösen – siehe diverse Vorgängerbände der Autorin – starten die Drei ihre Nachforschungen. Schnell ergeben sich mehrere Verdächtigte, zu Wallys Entsetzen darunter einige ihrer Familienmitglieder. Vor allem nachdem die Damen das Testament des Verstorbenen finden, ergeben sich für etliche Beteiligte durchaus schlüssige Mordmotive.

Zwischen Nationalparkrangern, ehemaligen und aktuellen Geliebten oder solchen, die es werden wollten, sowie höchst wütenden Schwiegervätern und -söhnen ermitteln die Hobbydetektivinnen mit feinem Spürsinn. Dabei treten sie auch gerne mal in das eine oder andere Fettnäpfchen und bringen sich schließlich selbst in höchste Gefahr. Weiterlesen

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Callan Wink: Big Sky Country

Der junge August wächst auf einer kleinen Farm in Michigan auf. Die Ehe seiner Eltern ist zerrüttet. Die Mutter wohnt im alten, einst von ihren Eltern erbauten Haus auf dem Farmgelände, der Vater im neuen Gebäude. Der Junge pendelt zwischen den Häusern und den Elternteilen, die einen stillen Kampf untereinander ausfechten. Die einst früh eingegangene, nur auf Emotionen aufgebaute Bindung der Eltern rächt sich nun im Alltag. Augusts Mutter fehlt die adäquate Ansprache, wogegen der Vater sein typisches Farmerdasein auslebt, das er obendrauf noch mit einer viel zu jungen Geliebten krönt. August steht zwischen der mit ihrem Leben unzufriedenen, intellektuell unterforderten Mutter und dem Vater, der den Naturburschen und Farmer verkörpert. Dennoch suchen beide Elternteile immer wieder das Gespräch mit dem Sohn, was sich in vielen Dialogen zeigt. Seine stoische Haltung, als er der Aufforderung des Vaters nachkommt, der Katzenplage auf der Farm den Garaus zu machen, unterstreicht einen erschreckend kruden Wesenszug des Zwölfjährigen, der sich in seiner weiteren Entwicklung immer wieder offenbart.

Als die Mutter ein Angebot bekommt, als Bibliothekarin in Montana zu arbeiten, verlässt August zusammen mit ihr den Vater. Die   gewaltige Natur der Rocky Mountains in seinem neuen Lebensumfeld beeindruckt den jungen August nachhaltig. Er tritt dem Footballverein in seiner Highschool bei und verinnerlicht die rauen Gepflogenheiten der Sportart und des Teams. Er bleibt weiter ein Einzelgänger. Weiterlesen

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Maya Montayne: Die gefälschte Magie 01: Nocturna – Das Spiel des Fuchses

Drei Monate war Prinz Alfie aus San Cristóbal, der Hauptstadt Castellans verschwunden. Niemand ahnte, wo er abgeblieben war. Nachdem sein Bruder, der ältere Kronprinz durch einen Meuchelmörder mittels Magie entführt und vermeintlich getötet worden war, ruht die Hoffnung eines ganzes Landes auf den Schultern eines jungen Mannes, den nur eines umtreibt. Wie kann er seinen verschwundenen Bruder wiederfinden und retten.

Nach einem Vierteljahr der verzweifelten Suche muss Alfie einsehen, dass seine Mission gescheitert, dass er sich in die so ungewollte Rolle als künftiger Monarch fügen muss. Einen winzigen Hoffnungsschimmer hat er noch – dass er in den verbotenen Zauberbüchern der englassischen Eroberer doch noch einen Zauber findet, mit dem er die Spur seines Bruders aufnehmen kann.

Doch schon an die Bücher heranzukommen erweist sich als schwierig. Von einem undurchsichtigen Verbrecherkönig in einem Glücksspiel ausgelobt muss Alfie an selbigem, natürlich inkognito, teilnehmen und gewinnen. Dass ihm dabei eine junge Diebin, deren Magie es ihr ermöglich, das Aussehen eines jeglichen Menschen anzunehmen in die Quere kommt, erweist sich als schicksalshaft. Als er seinen Vetter vor einer eigentlich ihm geltenden tödlichen Vergiftung retten will, steht ihm die Gesichtsdiebin zur Seite. Nur indem er eine uralte, eingekerkerte Magie freilässt, gelingt es ihm seinen Pflegebruder das Leben zu retten. Nun aber muss er schauen, dass er die Magie, deren Kerker er gesprengt hat, wieder einfängt, sonst droht seiner Heimat der Untergang … Weiterlesen

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Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

„Geschichte wiederholt sich immer zweimal: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Lernt die Menschheit aus ihrer Vergangenheit? Oder geht es stets nur um Macht, in welcher Form auch immer? Können wir das Große und Ganze jemals überblicken oder bleiben wir im eingeschränkten Blickwinkel unserer eigenen Epoche gefangen? Dem Historiker Christopher Clark ist es gelungen, diese Fragen auf äußerst informative und unterhaltsame Weise aufzuarbeiten. In den gesammelten Essays dieses Buches begleiten wir einen biblischen Herrscher in seinen Traum, die Juden bis „ans Ende aller Tage“ und Heinrich Himmler bei abstrusen Esoterikforschungen. Christopher Clark zeigt, was der Brexit mit Bismarck zu tun hat und warum sich Macht nicht durch Unterdrückung, sondern durch stillschweigende Duldung der Massen entfalten kann. Bereits nach wenigen Sätzen erliegen wir Leser der Faszination der Geschichte. Clark verdeutlicht uns historische Analogien, die uns bislang verborgen geblieben sind. Der wohl größte Verdienst dieses Buches: Geschichte ist lebendig, die Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie bedarf eines ständigen Dialoges, der sicher Geglaubtes hinterfragen sowie andere Ansätze zulassen soll. Kurz: Clarkes Werk ist ein wichtiger Beitrag zu einer intelligenten Diskussionskultur, deren Mangel in jüngster Zeit offensichtlich ist.

Wussten Sie, dass im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch Seuchen, als durch Kriegseinsätze gestorben sind? Oder dass wir bis heute die Geschichte in falsche Epochen unterteilen?  Diese und weitere, überraschende „Tatsächlich?!“-Momente hält dieses Buch bereit. Weiterlesen

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ATAK: Piraten im Garten

In diesem Bilderbuch explodieren die knallbunten Farben geradezu.

Fast ganz ohne Text, oft mit nur einem einzigen Wort auf einer Seite erzählen allein die farbenfrohen Bilder eine abenteuerliche  Geschichte.

Im Haus sieht man Emil mit seinen Piratenfiguren spielen. Aufmerksame Betrachter erkennen bereits beim Blick durchs Fenster, wie die Piraten auch durch den Garten laufen.

Perspektivwechsel weisen auf das Geschehen drinnen und draußen, hier und dort hin. Nach einem lauten Knall geht es im Haus und draußen im Garten drunter und drüber. Der Bildablauf zeigt rauf und runter, groß und klein, oben und unten, vorne und hinten, geordnet und durcheinander, vertauscht und richtig, leicht und schwer, verkehrt herum und passend, kreuz und quer, Licht und Schatten auf. Hier wird die Bedeutung der Worte und das richtige Verständnis dafür nebenbei ganz simpel gefördert. Aufmerksamen Betrachtern werden Unterschiede und Fehler in den Abbildungen auffallen. Weiterlesen

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Haruki Murakami: Erste Person Singular

Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami (Jahrgang 1949) hat ein neues Buch veröffentlicht. Der Erzählband „Erste Person Singular“ ist am 26. Januar 2021 in einer Übersetzung von Ursula Gräfe im DuMont Buchverlag erschienen.

Affen scheinen es den Autoren angetan zu haben. Im letzten Jahr erschien Patti Smiths „Im Jahr des Affen“, soeben T. C. Boyles „Sprich mit mir“ und nun der sprechende Affe in Murakamis Erzählung „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“, den Murakami-Lesende schon aus dem Erzählband „Blinde Weide, schlafende Frau“ aus dem Jahre 2006 kennen.

In einem kleinen japanischen Badeort erzählt dieser Affe dem Ich-Erzähler  bei einem Bier seine Lebensgeschichte und verrät ihm seine heimliche Leidenschaft. Aber der „Affe von Shinagawa“ ist nur eine der neun Erzählungen.

In der titelgebenden Erzählung „Erste Person Singular“, die sich am Ende des Buches findet, besucht ein Mann, der an diesem Abend einen Anzug und ein Hemd mit Krawatte trägt, eine Bar. Dort wird er unvermittelt von einer Frau verbal attackiert. Dieser Vorfall lässt ihn verwirrt zurück. Weiterlesen

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Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Einen ausgesprochen witzigen Schelmenroman legt der deutsche Autor Simon Urban vor. In seinem 544-Seiten-Wälzer mit dem langen Titel „Wie alles begann und wer dabei umkam“ geht es um die Juristerei und die Frage, wie gerecht unsere Gesetze eigentlich sind.

Der Held entwickelt schon als Kind Interesse an diesem Thema. In Abwesenheit verurteilt er seine Großmutter, den tyrannischen Familiendrachen, zum Tode.

Kein Wunder also, dass er später Jura studiert – und zwar in Freiburg. Dort eckt er mit einer neuen Professorin an, die sich für eine Gesetzgebung einsetzt, die weniger auf Strafe ausgerichtet ist. Unser Held sieht‘s anders. Im Wesentlichen kommt er nicht damit klar, dass ein Täter nicht für ein und dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann – auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Der Ich-Erzähler mutiert mehr und mehr zum düsteren Racheengel, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Weiterlesen

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