Rachel Joyce: Miss Bensons Reise

Bei Rachel Joyce darf man sich immer über originelle Figuren und unkonventionelle Handlungen freuen. So auch in ihrem neuen Buch, in dem sie uns von Margery Benson erzählt, einer leicht verschrobenen Hauswirtschaftslehrerin, die einen Traum hat: sie möchte den goldenen Käfer finden, den bislang noch niemand entdeckt hat. Als sie ein Kind war, hatte ihr Vater ihr ein Bild dieses Käfers gezeigt und damit ihr Interesse an diesen Tieren in ihr geweckt. Doch aus vielerlei Gründen hat sie diesen Traum jahrelang in ihrem Herzen verborgen, erst ein für sie erschütterndes Ereignis bringt sie dazu, ihr Leben zu ändern. Sie plant eine Reise nach Neukaledonien, um den Käfer zu suchen.

Aber sie möchte die Reise verständlicherweise nicht allein antreten und sucht eine Assistentin. Unter anderem meldet sich Enid Pretty, eine offensichtlich nicht sehr gebildete, dafür aber umso hübschere und vor allem ausgesprochen redselige junge Frau, mit anderen Worten das komplette Gegenteil der verklemmten, scheuen, wortkargen Miss Benson. Doch trotz all der Widrigkeiten, all der Gegensätze entsteht zwischen den beiden Frauen eine tiefe Freundschaft. Beide haben ihre Geheimnisse und ihre Träume. Beide haben viel mehr innere Stärke, als sie selbst ahnen und beide wachsen über sich selbst hinaus, als ihnen Gefahr droht. Weiterlesen

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Amélie Nothomb: Die Passion

Es gibt kaum eine Geschichte, die so bekannt ist, wie das Leben von Jesus Christus. Sein Leben und seine Taten sind vielfältig aufgeschrieben worden, werden in Kirchen gepredigt und bestimmen viele unserer heutigen Feiertage. Doch wie fühlte Jesus sich eigentlich auf diesem Weg? Was dachte er? Und wie geht es ihm damit, sich für die Menschheit zu opfern?

Amélie Nothomb befasst sich in ihrem neuen Buch „Die Passion“ mit diesen Fragen. Sie beschreibt aus der Perspektive Jesus die Nacht vor seiner Hinrichtung, die er alleine in einem Kerker verbringt. Hier reflektiert er sein bisheriges Leben und versucht, sich selbst Stärke zu geben, damit er ruhig und ohne Angst in den Tod gehen kann. Jesus wird her zutiefst menschlich. Er denkt an seine Frau Maria Magdalena, er beschreibt seinen Groll in Bezug auf die Menschen. Er bedauert, dass seine guten Taten immer auf Unwillen gestoßen sind und niemand das Geschenk einfach annehmen konnte, das ihm gemacht wurde.

Am Ende der Nacht muss der Leser Jesus noch nicht verlassen, er begleitet ihn auf seinem Leidensweg zur Hinrichtung. Man fühlt seinen Schmerz, seine Verzweiflung und auch die Stärke, die er in sich trägt und die ihm von außen gegeben wird. Weiterlesen

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Polly Clark: Tiger

Seit Jahren beobachtet und dokumentiert Frieda im Forschungsinstitut das Verhalten von Bonobos. Die friedfertigen Primaten lenken sie wunderbar von sich selbst ab. Seit sie das Opfer eines Überfalls wurde, ist sie versehrt, körperlich und psychisch. Mit Morphin aus der Institutsapotheke kann Frieda zur Ruhe kommen, wenn Alkohol dafür nicht mehr ausreicht. Sie wird ertappt und gefeuert. Mit viel Glück bekommt sie eine neue Stelle in einem etwas sonderbaren Privatzoo. Dort soll sie sich eigentlich um die Bonobos kümmern, doch als eine ausgemergelte einäugige Sibirische Tigerin in dem Zoo landet, wird Frieda zu deren Betreuerin ernannt. Es entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung.

Tomas‘ Vater ist entschlossen, in Sibirien ein Tigerreservat aufzubauen. Er hat ein großes Gebiet gepachtet, vermisst und dokumentiert jeden Abdruck einer Tigerpfote, stellt Kamerafallen auf, kämpft um Fördergelder. Nachdem ein hochrangiger Politiker seinen Besuch ankündigt hat, schickt er Tomas in die Taiga, um frisches Bildmaterial von der Gräfin, der größten Tigerin in der Gegend, und von ihren beiden Jungen zu beschaffen. Es ist der strengste Winter seit Menschengedenken. Tomas macht sich auf den Weg. Er stößt auf die Fährte der Gräfin und folgt ihr. Als er auf die Tigerin trifft, wird daraus die wichtigste Begegnung seines Lebens. Weiterlesen

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Thomas Stipsits: Uhudler-Verschwörung. Ein Stinatz-Krimi

„Uhudler“ bezeichnet einen Wein, der im österreichischen Südburgenland als Cuveé hergestellt wird. Weil er nicht gerade Tafelweinqualitäten aufweist, wurde er auch lange Zeit „Haustrunk“ genannt. Aufgrund seines erhöhten Methanolgehaltes war er ab den 1980-er Jahren in Österreich verboten, bevor er eine Rehabilitation und eine Renaissance erfuhr.

Thomas Stipsits´“Uhudler-Verschwörung“ ereignet sich in Stinatz, einem Ort in eben diesem Südburgenland.

Zwei Weinbauern vermarkten Uhudler. Einer von ihnen, Alois Stipsits (Namensgleichheit mit dem Autor!), wird in seinem Weinkeller tot aufgefunden. Offenbar ist ein Ventilator ausgefallen und er ist an Gärgasen erstickt.

Gruppeninspektor Sifkovits glaubt nicht an eine natürliche Todesursache und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützt wird er dabei von seiner Mutter Barbara, „Baba“ genannt, und ihren kuriosen Freundinnen, die natürlich über allerlei Hintergrundwissen verfügen und bestens im Dorf vernetzt sind.

Sie dienen Sifkovits als wichtige Informantinnen, während er selbst mit einem kleinen Peugeot mit quietschenden Bremsen durch die Gegend kurvt und bei jeder Gelegenheit Käsepappeltee trinkt. Weiterlesen

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Ellen Alpsten: Die Zarin

Der Titel führt den Leser auf die richtige Spur: Der Roman hat sich eine der großen Figuren der Weltgeschichte zum Thema gesucht: Katharina die I. Sie war nach dem Tod von Peter dem Großen für zwei Jahre die Kaiserin oder eben Zarin von Russland. Der Roman führt den Leser zu Beginn (leider in einem Prolog) an das Sterbebett des großen aber auch brutalen Zaren. Der Leser erlebt diese Situation und die gesamte Handlung des Buches aus der Ich-Perspektive Katharinas. Das Ableben des Zaren hinterlässt ein Macht-Vakuum in Sankt Petersburg des Jahres 1725. Katharina berät sich mit Fürst Menschikow, wie sie die Regierung des Zarenreiches in den eigenen Händen behalten kann.

Mit dem Ende des Prologs schlägt der Beginn des ersten Kapitels  eine zeitliche Rückblende und räumlichen Bogen zur jugendlichen Katharina irgendwo in Litauen. Der Leser, der sich gerade auf die eingangs genannte Situation eingelassen hat, darf sich neu orientieren.

Die Autorin erzählt die Geschichte dieser beeindruckenden Frau auf der Grundlage geschichtlicher Daten. Katharina wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Damals hieß sie noch Martha. Später heiratet sie einen schwedischen Soldaten und wurde nach dem Tod ihres Mannes mit dem Fürst Menschikow bekannt. Weiterlesen

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Agnès Poirier: An den Ufern der Seine

„… Wann immer die Stadt der Lichter den Besitzer wechselt, gerät die westliche Zivilisation aus dem Gleichgewicht. So ist es seit sieben Jahrhunderten; so war es 1940 …“ (S. 123)

Sie wohnen auf der linken Seite der Seine. Sie sind die Elite, die Intellektuellen und pflegen ihren eigenen Lebensstil. Der Zweite Weltkrieg rüttelt an ihren Glaubenssätzen. Die Besetzung von Paris mit dem einhergehenden harten Regime der Deutschen bringt ihnen Hunger, Unfreiheit, Verrat durch die eigenen Landsleute und im schlimmsten Fall den Tod. Einige von ihnen wandern aus, oder verstecken sich weit weg von Paris. Andere bleiben. Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und viele andere diskutieren über ihre Situation nach der Befreiung.

„[…] Es war die Zeit, die Wirklichkeit […] zu betrachten, wenn man sie verändern wollte.“  „ […] Die Zeit der Selbstgefälligkeit und Doppelbödigkeit war vorbei. […] Man musste sich engagieren. […] Die Lehre, die man aus dem Krieg gezogen hatte, lautete: Gleichgültigkeit erzeugt Chaos.“ (S. 163)

Sie gründen und schreiben für ihre eigenen Zeitschriften, die aufgrund des Papiermangels zunächst einen geringen Umfang hat. Sie wollen schockieren, aufrütteln und die Welt verändern. Es ist die Geburtsstunde des  Existenzialismus. Einige von ihnen, die zuvor lokale Bekanntheit genossen, werden länderübergreifend berühmt. Ihr Leben verändert sich mehr, als sie ahnen. Weiterlesen

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Antonia Blum: Kinderklinik Weißensee 01: Zeit der Wunder

Berlin, 1911: Mit vor Aufregung schweißnassen Händen treten die Schwestern Marlene und Emma Lindow auf das Gelände der Kinderklinik Weißensee. Die soeben neu eröffnete Kinderklinik bietet den beiden Waisen die Chance, eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu absolvieren. Doch aufgrund ihrer Herkunft haben die beiden jungen Frauen es nicht leicht und müssen immer wieder gegen Vorurteile ankommen. Als dann auch noch ein kleiner Patient mit unklaren Symptomen für Aufsehen sorgt, steht der ganze Ruf der Klinik auf der Kippe.

Die Autorin Antonia Blum entdeckte durch Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik Weißensee und begab sich dann auf Spurensuche in der Vergangenheit. Der vorliegende Roman ist der erste von drei Bänden rund um Marlene und Emma Lindow, die meist abwechselnd von ihren Erlebnissen in der Klinik berichten. Entstanden ist ein sehr bunter, unterhaltsamer historischer Roman, in dem sich natürlich auch das ein oder andere Klischee findet – das schadet ihm aber nicht. Die Geschichte rund um die beiden angehenden Kinderkrankenschwestern ist so nett erzählt, dass man darüber gerne hinwegsieht. Im Roman findet sich die ganze Bandbreite menschlicher Themen. Beide Schwestern verlieben sich in dem Jahr, bekommen menschliche Schicksale mit, geraten an ihre Grenzen und gehen darüber hinaus. Weiterlesen

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Dr. Chris Napier: Lauftraining: Die Anatomie verstehen

Statistiken belegen: Rund 22 Millionen Menschen verbringen wenigstens ab und an ihre Freizeit mit dem Laufen. Ich gehöre auch zu ihnen. Das Laufen ist für mich ein wichtiger Ausgleich für meine eher im Sitzen stattfindende berufliche Beschäftigung. Ich liebe das Laufen, weil es ohne große Umstände durchzuführen ist, weil es mich in die Natur bringt und es meiner Gesundheit zuträglich ist.

„Lauftraining“ von Dr. Napier hat den Anspruch, dem Leser einen anatomischen Rundumblick auf das Laufen zu vermitteln. Tatsächlich ist dies jedoch nur ein Aspekt, den das Buch leistet. Es stellt zudem die Diskussion der Vor- und Nachteile von Laufen auf eine wissenschaftliche, faktenbasierte Ebene. Auf diesem Niveau lässt sich bekanntlich am besten argumentieren.

Am Anfang begrüßt den Leser ein Zitat: „Regelmäßiges Laufen kann viele Gesundheitsvorteile bringen, die unsere Lebensqualität verbessern.“ Für mich ist dieser Satz die entscheidende Charakterisierung des vorliegenden Sachbuchs. Anders ausgedrückt, vermittelt „Lauftraining“ dem Interessierten das Wissen, das ihn befähigt, das Laufen gezielt für die Gesundheitsförderung einzusetzen. Wie es sich für ein Sachbuch von Rang ziemt, ist es in thematisch zusammengehörende Kapitel eingeteilt. Diese heißen: Laufanatomie, Verletzungsprävention, Kraftübungen und Gezieltes Training. Die beiden Letzteren belegen, dass der Autor sich nicht auf die Theorie beschränken will. Dr. Napier soll eine Marathon-Bestzeit von 2:33 Stunden aufweisen. Weiterlesen

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John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der irische Autor John Boyne nimmt in seinem neuen Roman „Die Geschichte eines Lügners“ sein eigenes Metier aufs Korn: die Schriftstellerei.

Maurice Swift ist ein gutaussehender junger Mann, der unbedingt ein berühmter Schriftsteller werden will. Kleines Problem: Ihm fehlt es an Talent. Vor allem tut er sich schwer damit, einen interessanten Plot – also eine Handlung – zu erfinden. Um sein Ziel trotzdem zu erreichen, geht er im weiteren Verlauf dieser Geschichte nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Sein erstes Opfer ist Erich Ackermann, der als 17-Jähriger in der Nazi-Zeit aus Liebe eine große Dummheit begangen hat, indem er den Nazis zwei Juden ausgeliefert hat. Swift schlachtet diese Geschichte zu einem Roman aus, der ihn zwar berühmt macht, aber gleichzeitig Erich Ackermann zugrunde richtet.

Weitere Opfer folgen, darunter sogar Mitglieder aus seiner eigenen Familie. Doch es gibt auch Menschen, die dem Betrüger gewachsen sind: der Schriftsteller Gore Vidal zum Beispiel, also eine nicht fiktive Figur, den unser Anti-Held einmal in seinem Haus an der Amalfiküste besucht. Weiterlesen

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Robert Galbraith: Böses Blut

1195 Seiten – und keine davon langweilig. Und das, obwohl doch manch eine Szene, manch ein Handlungsstrang redundant zu sein scheint; ja auch bei J.K. Rowling, die die Reihe um den Detektiv Cormoran Strike unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt. „Böses Blut“ ist der fünfte Band dieser Reihe, die auch eine Serie ist, denn auch wenn man jeden Band für sich lesen kann, nimmt doch vieles in der Handlung Bezug auf frühere Geschehnisse, entwickeln sich die Protagonisten von Band zu Band weiter.

Der aktuelle Fall von Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin Ellacott ist eigentlich ein gerade eben nicht aktueller. Anna Phipps engagiert sie, um nach dem Verbleib ihrer vor 40 Jahren verschwundenen Mutter zu suchen. Die Ärztin Margot Bamborough verschwand 1974 auf dem Weg aus ihrer Praxis zu einem Treffen mit ihrer besten Freundin. Nie wurde geklärt, was mit ihr geschah. Verdächtigt wurde ein zu dieser Zeit gesuchter und später überführter Serienkiller, der unter bestialischen Umständen Frauen entführte, folterte und tötete. Doch er hatte nie zugegeben, auch Margot Bamborough getötet zu haben. Weiterlesen

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