Christian von Aster: Der Orkfresser

Lieben Sie Fantasy? Zieht es sie auch gerne, an der Seite junger, entwicklungsfähiger Helden in Begleitung eines Zauberers mit spitzem Hut in die Weiten einer archaischen Landschaft? Genießen Sie es, bei einem vertrauten Lagerfeuerabend mit Barden, Elfen und Rittern zu parlieren und am nächsten Morgen gegen die wilden Horden der Zwerge, Vampire oder gar Orks zu Felde zu ziehen? Dann hören Sie sofort auf zu lesen, und fassen Sie das neueste Buch vom in Leipzig lebenden, den deutschen Sprachraum mit seinen darbietenden Lesungen bezaubernden von Aster nicht einmal mit der sprichwörtlichen Zange an. Denn dort stoßen Sie auf einen, der Sie mit ihrem liebsten Lesefutter versorgt – sprich einem Autor. Einem Fantasy-Autor, schlimmer noch einem erfolgreichen Fantasy-Schriftsteller, ganz, ganz schlimm, einem Bestsellerverfasser einer Serie!

Aaron Tristen hat mit seiner Fantasy-Serie „Engel gegen Zombies“ das erreicht, von dem ein jeder Autor träumt. Er ist berühmt, mehr noch wird umschwärmt und verdient sich eine goldene Nase. A pro pos Nase – ja auch das berühmte weiße Pulver kann er sich leisten, ebenso wie zwei großzügige Appartements in Metropolen unseres Landes, Geld hat er weit mehr zur Verfügung, wie Nerven. Die lassen in letzter Zeit gewaltig zu wünschen übrig, wenn er seinem andächtig lauschenden Publikum aus seinem neues literarischen Erguss vorliest und signiert, dass ihm die Griffel wehtun. Weiterlesen

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Jan Weiler: Kühn hat Ärger, gelesen vom Autor

Drei Jahre nach seinem ersten Auftreten ermittelt Hauptkommissar Kühn wieder auf und um die (imaginäre) Münchner Weberhöhe herum: Die Leiche eines jungen ausländischen Mannes, Amir, wird an einer S-Bahn-Haltestelle erschlagen und äußerst übel zugerichtet aufgefunden. Eine rechtsorientierte Tat?

Die Ermittlungen führen Kühn und seinen Kollegen Steierer in die High Society Münchens, denn das Opfer war mit einem Mädchen aus gutem Haus zusammen. Neben dieser Krimihandlung, die – wie bereits im ersten Fall – oft zur Nebensache verkommt, wirft dieser Roman vor allem einen  ironischen, oft auch bissigen Blick auf die Münchner Schickeria. Besonders gelungen dabei fand ich die Beschreibungen des Hauses der van Hautens. Gut inszeniert auch der Kontrast zwischen dem vielleicht etwas biederen Kleinbürger Martin Kühn und der Welt der Schönen und Reichen  auf dem Sommerfest der Familie. Weiterlesen

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Clare Swatman: Before you go – Jeder letzte Tag mit dir

Mit 38 Jahren muss Zoe ihren Ehemann Ed zu Grabe tragen. Er kam bei einem Fahrradunfall ums Leben. Noch viel tragischer für Zoe ist, dass sie im Streit auseinandergingen und keine netten Worte mehr wechseln konnten. Zoe fällt in ein tiefes Loch der Trauer. Dann schlägt sie eines Morgens ihre Augen auf und ist orientierungslos. Erst nach ein paar Augenblicken erkennt sie, dass sie sich in ihrem alten Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern befindet. Es ist 1993! Und sie erlebt den Tag erneut, an dem sie Ed erst kennenlernte. Zoe hält alles für einen schönen Traum. Doch als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlägt und sich an einem wichtigen Tag im Jahr 1994 befindet, hält sie es nicht mehr für einen Zufall. Sollte es möglich sein, dass Zoe eine zweite Chance erhält, um ihre Beziehung mit Ed zu ändern?

Die Geschichte klingt sehr schön, aber an der Umsetzung hapert es gewaltig. Zuerst einmal sollen Zoe und Ed das Traumpaar schlechthin sein. Davon merkt man aber gar nichts. Weiterlesen

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Cornelius Zimmermann: Rocking the Forest: Ein Müützelwald-Roman

Das 237. Rocking the Forest Festival steht an – und just 10 Tage vor Beginn des prestigeträchtigen Events, verlassen die drei unfähigen, untalentierten und undankbaren Musiker, die der einst gefeierte Iggy, der Wolfmorf um sich und seine Band die Müützel Monotones gesammelt hat, selbige. Nun steht er da, er der gefeierte Star, der durchstarten wollte, der all den jungen Libellenpoppern noch einmal zeigen wollte, wie man richtige Forest Musik macht, wie man den Forest rockt .

Alleine, verlassen und deprimiert – doch Aufgeben ist keine Option. Er macht sich auf, sich Rat zu suchen bei einem, der einst das Festival, ja die Musik beherrscht hat – Blubb, die Pfütze. Schon auf dem Weg zu diesem begegnen ihm die aberwitzigsten Wesen, Musiker und Möchtegern-Stars. Und eine Wolfmorfin, die unseren Bandleader förmlich aus den Socken haut. Dann aber muss er erkennen, dass seine große Hoffnung von den Libellenpoppern entführt wurde – und schon macht er sich auf die Suche nach Blubb, die Pfütze … Weiterlesen

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Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

Was haben eine Krähe, der Dreißigjährige Krieg und eine Sängerin, die jeden Tag auf ihrem Balkon Arien schmettert miteinander zu tun? Zunächst nicht viel. Aber im Verlauf von Monika Marons neuestem Roman verknüpfen und verwirren sie sich mehr und mehr, bis die Protagonistin Mina Wolf nur noch Chaos im Kopf hat.

Die Journalistin Mina Wolf wohnt in einer kurzen, nur acht Häuser zählenden Straße in Berlin-Schönefeld. Für den Sommer hat sie den lukrativen Auftrag angenommen, für die Festschrift zum tausendjährigen Jubiläum einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg zu verfassen. Sie hat zwar bisher weder über Kriege noch über das 17. Jahrhundert geschrieben und kann sich nicht richtig erklären, wie die Stadt darauf gekommen ist, sie für diesen Aufsatz auszuwählen, aber das kümmert sie nicht weiter, denn: „Ich war nicht zum ersten Mal gezwungen, mir in wenigen Wochen ein hochgestapeltes Expertentum anlesen zu müssen um über ein Thema zu schreiben, von dem ich keine Ahnung hatte, jedenfalls nicht mehr als jeder andere oberflächlich gebildete Mensch.“ Weiterlesen

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Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen

Die surreale  Endzeitstory „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ beginnt damit, dass weltweit die GPS-Systeme versagen. Dann krachen „die Satelliten wie himmlische Autoscooter ineinander, und die Astronomen waren in ihren Raumstationen gefangen und warteten auf die Unendlichkeit.“

Diese Geschichte versteckt sich auf kurzen zwei Seiten in der Mitte des Buches und zeigt die ganze Eindringlichkeit und Lakonie der Sprache, mit der Pippa Goldschmidt unterschiedlichste Geschichten erzählt, von Frauen in der Wissenschaft, die nicht durch Teleskope sehen dürfen, aber klassifizierte Sterne in Listen eintragen; von den privaten Tragödien des Albert Einstein und Alan Turings; von Robert Oppenheimers Zeit als unsicherer Doktorand in Camebridge und Bertold Brecht im Exil. Weiterlesen

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David Mitchell: Slade House

Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, den man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke liest, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels Willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen. Weiterlesen

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Naomi Alderman: Die Gabe

Auf der ganzen Welt haben plötzlich junge Mädchen die Möglichkeit, über eine elektrische Energie zu verfügen, mit der sie nicht selten ihr männliches Gegenüber verletzen und in die Schranken weisen. Die amerikanische Politikerin Margaret weiß anfangs nicht recht darauf zu reagieren, dann entdeckt sie die neue Gabe auch an sich selbst. Gelegenheitsjobber Tunde filmt auf der ganzen Welt Aufstände der Frauen und wird so im Internet und in den weltweiten Zeitungen berühmt. Ausreißerin Allie verbirgt ein dunkles Geheimnis, doch als sie in einem Kloster in den Staaten Zuflucht findet, fragt danach erstmal niemand. Sie schafft es, junge Mädchen um sich zu scharen und eine neue Religion auf Basis der Gabe zu gründen. Und dann ist da noch Roxy. Die stärkste von ihnen allen. Doch Roxy verfügt nicht nur über eine besonders starke Gabe, sie hat auch einen messerscharfen Verstand und weiß die Puzzleteile so zu bewegen, dass das Bild ihr in die Karten spielt. Weiterlesen

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Toni Morrison: Die Herkunft der anderen

Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison (Jahrgang 1931) hat sich ihr Leben lang mit den Themen Rasse und Rassismus beschäftigt. In ihrem literarischen Werk beschreibt sie das Leben und Schicksal afroamerikanischer Menschen, insbesondere von Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika. In dem Roman „Gott, hilf dem Kind“, 2017 bei Rowohlt auf Deutsch erschienen, spielte die Hautfarbe der Hauptfigur eine große Rolle.

2016 hielt Toni Morrison eine Vortragsreihe an der Harvard University in Cambridge über „Die Literatur der Zugehörigkeit“. Im März 2018 veröffentlichte der Rowohlt Verlag sechs Texte aus diesen Vorlesungen unter dem Titel „Die Herkunft der anderen – Über Rasse, Rassismus und Literatur“ in einer Übersetzung von Thomas Piltz. Darin nähert sich Toni Morrison von verschiedenen Seiten den Themen Rasse und Rassismus und ihrer Rolle in der Literatur bzw. für die Literatur.

In „Romantisierte Sklaverei“ beschreibt sie den Nutzen einer Unterscheidung nach Hautfarbe für den Erhalt von Macht und die Legitimierung von Unterdrückung. Und wie Literatur einen Beitrag zur Romantisierung der Sklaverei leistet (Beispiel: „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe, 1852). „Amerikanisch zu sein“, bedeutet auch heute noch „weiß zu sein“. Weiterlesen

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Nicholas Searle: Verrat

Bridget ist katholisch und lebt in Nordirland. Seit ihrer Kindheit kennt sie nichts anderes als Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken, aber auch Brutalität von Seiten der britischen Soldaten oder Polizisten. Sie erfährt Armut, Kälte und ständig Ungerechtigkeit, die ihr ein normales Leben mit Ausbildung, gut bezahlter Arbeit und einem angstfreien Alltag unmöglich machen. Nach der Schule wollte sie studieren. Doch ihre Mutter bat sie, noch eine Weile damit zu warten. Und während sie auf den geeigneten Moment wartet, begegnet sie Francis, einem erfahrenen Freiheitskämpfer, der für ein vereintes Irland Menschen tötet. In sein verwegenes Lächeln verliebt sie sich. Nach ihrer Heirat bleibt ihre einzige Fortbildung das Rauf- und Runterlesen der mobilen Bücherei. Häufig verschwindet Francis ohne eine Erklärung. In den Zeitungen liest Bridget von diversen Angriffen im Süden oder in England, die wiederum Angriffe in Nordirland nach sich ziehen.

Bridget kennt ihr ganzes Leben lang nur die Eskalation von Gewalt. Sie hat Angst um Francis, und sie hat Angst um sich. Ständig sucht sie einen Ausweg, der unverhofft über Sarah, einer britischen Geheimagentin, angeboten wird. Weiterlesen

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