Arnaldur Indriðason: Tage der Schuld

Arnaldur Indriðason, 1961 geborener isländischer Krimiautor, ist in Deutschland vor allem durch seine Kommissar Erlendur-Reihe bekannt. Inzwischen sind elf Titel dieser Reihe auf Deutsch erschienen. Mit dem zwölften Band „Tage der Schuld“ (in einer Übersetzung von Coletta Bürling), der am 16. Februar 2017 bei Bastei Lübbe erschienen ist, führt  Indriðason die Leser zu Kommissar Erlendurs Anfängen bei der isländischen Kriminalpolizei in Reykjavik Ende der 1970er Jahre.

In „Tage der Schuld“ ermitteln Erlendur Sveinsson und sein Vorgesetzter Marian Briem in einem Mordfall, in dem eine männliche Leiche in einem See mitten in einem Lavafeld auf der Halbinsel Reykjanes gefunden wurde.

Zunächst ist die Todesursache ziemlich unklar. Der Tote scheint, nach einem Schlag auf den Kopf aus großer Höhe gestürzt zu sein. Die Schwester des Toten, Nanna, identifiziert ihn. Kristvin, genannt Krissi, arbeitete als Mechaniker auf einem US-amerikanischen Militärstützpunkt in Keflavik unweit des Sees. Parallel dazu beschäftigt Erlendur ein alter Fall aus den 1950er Jahren. Das Mädchen Dagbjört verschwand damals unter ungeklärten Umständen auf dem Schulweg. Ihre Leiche konnte nicht gefunden werden. Der Fall blieb unaufgeklärt.

Erlendur und Marian verfolgen Kristvins Spuren bis zum amerikanischen Militärstützpunkt zurück, dabei sind sie auf die Unterstützung der Militärbehörden angewiesen. Mit Hilfe der auf der US-Basis stationierten Militärpolizistin Caroline Murphy versuchen sie, den Fall aufzuklären.

Sowohl eine geheimnisvolle Fluggesellschaft als auch der amerikanische Geheimdienst spielen eine Rolle in ihren Ermittlungen. Die amerikanischen Militärbehörden mauern, es ist die Zeit des „Kalten Krieges“.

Unterdessen versucht  Erlendur Informationen über das Mädchen Dagbjört zu sammeln, ehe der Fall vollkommen in Vergessenheit gerät. Angeblich hatte sie einen Freund in dem ehemaligen Barackenviertel Camp Knox. Und der Nachbar Rasmus beobachtete Dagbjört heimlich.

Nach und nach stellt sich heraus, dass der Mechaniker Kristvin (wie viele andere Isländer, die auf dem Stützpunkt arbeiten) begehrte Waren und Drogen geschmuggelt hat und ein Verhältnis zu einer verheirateten Amerikanerin unterhielt. Außerdem scheint er, Informationen über Flugzeuge der Northern Cargo Transport gesammelt zu haben. Carolyne Murphy verletzt immer wieder ihre Dienstvorschriften, um Erlendur und Marian weiter zu helfen. Im Fall des Mädchens Dagbjört dringt Erlendur immer tiefer in die Vergangenheit vor bis zu einem dramatischen Finish.

Arnaldur Indriðasons Krimis sind nicht nur gut geschrieben und spannend, sondern immer auch eingebettet in die Einzigartigkeit Islands und einen zeitgeschichtlichen Kontext. In „Tage der Schuld“ sind es die Nachkriegsära (im Fall des Mädchens Dagbjört), der „Kalte Krieg“ zwischen Ost und West (im Fall des Mechanikers Kristvin), die Besetzung und langjährige Präsens US-amerikanischer Truppen in Island, die den Hintergrund zu den Ermittlungen von Kommissar Erlendur bilden.

Dieser Krimi erzählt vom jungen Erlendur Sveinsson, der gerade erst bei der Kriminalpolizei angefangen hat. Indriðasons Erzählstil ist, wie in allen Krimis der Kommissar Erlendur-Reihe, ruhig und unaufgeregt. Dieser Band bietet sich als Einstieg in die Krimi-Reihe an, ist aber gleichzeitig auch für die Kenner der anderen Bücher interessant.

Hier bekomme ich als Lesende Informationen über den Charakter der Hauptfigur Erlendur, die auch in den anderen Krimis eine Rolle spielen: „Erlendur war ein relativ neuer Mitarbeiter der Kriminalpolizei und hatte Marians Neugier auf sich gezogen, weil er etwas Altmodisches an sich hatte und stets seine eigenen Wege ging. Er war ein Eigenbrötler…“

Und über seinen Chef Marian Briem: „Erlendur wusste nicht einmal, wo Marian wohnte. Es war nicht schwer, das herauszufinden, aber es war sehr ungewöhnlich, das Marian jemanden zu sich nach Hause einlud, so viel wusste Erlendur… Offensichtlich wollte Marian das Privatleben genauso für sich behalten wie er selbst.“

Indriðason verzichtet in „Tage der Schuld“ auf die bei vielen seiner krimischreibenden Kolleginnen und Kollegen beliebten Sprünge zwischen den Erzählsträngen, ohne dass die Spannung der Geschichte leidet.

Stattdessen erzählt er chronologisch, was ich als angenehme Abwechslung zum Überangebot an „Cliffhanger“-Krimis erlebe. „Tage der Schuld“ ist ein guter, solider Krimi und ebenso empfehlenswert, wie die gesamte Kommissar Erlendur-Reihe von Arnaldur Indriðason.

Arnaldur Indriðason: Tage der Schuld.
Bastei Lübbe, Februar 2017.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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