Arnaldur Indriðason: Graue Nächte

Der bekannte isländische Krimiautor Arnaldur Indriðason (Jahrgang 1961) hat mit dem Island-Krimi „Graue Nächte“ nach „Schattenwege“ (2017) und „Der Reisende“ (2018) den dritten Band in der Reihe um den isländischen Kommissar Flóvent und Thorson, seinen kanadischen Kollegen von der Militärpolizei, geschrieben. Der Bastei Lübbe Verlag veröffentlichte das Buch in einer Übersetzung von Anika Wolff am 21. Dezember 2018.

Der Krimi „Graue Nächte“ spielt während des 2. Weltkrieges. Island ist von den Amerikanern besetzt.

In Petsamo, Nordfinnland, warten im Frühjahr 1940 beinahe 300 Isländer darauf, mit dem Passagierschiff „Esja“ zurück in die Heimat zu gelangen. Eine junge Frau ist mit ihrem Verlobten, dem Medizinstudenten Ósvaldur, verabredet, aber der erscheint nicht. Von einem Kommilitonen von Ósvaldur erfährt sie, dass er wahrscheinlich von den Nazis verhaftet wurde. Trotz Genehmigung wird die Überfahrt nach Island wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen auf See gefährlich, und die junge Frau macht sich große Sorgen um ihren Verlobten. Noch während der Fahrt versucht sie, Informationen zu seinem Verschwinden zu erhalten.

Drei Jahre später haben es Kommissar Flóvent und sein Kollege Thorson von der Militärpolizei in Reykjavik mit einem Überfall auf einen jungen Mann in Soldatenkleidung zu tun. Das Verbrechen ereignete sich in der Nähe eines Clubs, dem Piccadilly, in dem auch viele amerikanischen Soldaten zu den Gästen zählen. Der Mann stirbt an seinen schweren Verletzungen.

Außerdem wird eine männliche Leiche am Strand der Bucht von Nauthólsvík gefunden. Der Mann galt als vermisst und zunächst sieht alles nach einem Suizid aus. Aber dann wird durch Zufall ein Betäubungsmittel im Körper des Toten nachgewiesen.

Bei den Ermittlungen führen die Spuren  im Fall des toten jungen Mannes in die Reihen der amerikanischen Soldaten auf dem Stützpunkt Falcon Point. Thorson wird selbst zum Opfer eines brutalen, tätlichen Übergriffs.

Der Fall der Wasserleiche reicht jedoch weiter in die Vergangenheit zurück.

„Graue Nächte“ besteht aus zwei Handlungssträngen, die Arnaldur Indriðason nebeneinander auf zwei Zeitebenen erzählt. So geht es einmal um die Geschichte der jungen Frau, deren Namen der Lesende erst kurz vor dem Ende des Krimis erfährt, und die ihres 1940 von den Nazis in Dänemark verhafteten Verlobten Ósvaldur. Und zum anderen um die beiden Verbrechen drei Jahre später in der isländischen Hauptstadt Reykjavik, mit deren Aufklärung Flóvent und Thorson betraut werden. Indriðason lässt diese zunächst unabhängig voneinander wirkenden Stränge geschickt aufeinander zulaufen. Dadurch entsteht ein spannendes Geflecht, das nach und nach entwirrt wird. Indriðason nimmt mich als Lesende mit auf die Fährten, die er auslegt. Damit ist ihm meine Aufmerksamkeit und Konzentration für die Geschichte gewiss: was hat denn die Flucht der Isländer mit der „Esja“ aus Finnland mit den Morden im amerikanisch besetzten Reykjavik Jahre später zu tun?

Mit den beiden Kommissaren Flóvent und Thorson hat Indriðason ein solides, völlig unspektakuläres Ermittlerduo geschaffen, das nicht mit durchgeknallten Aktionen oder psychischen Defekten nervt.

Nur einige der Dialoge kommen recht steif und hölzern daher, da hätte ich mir mehr sprachliche Lebensnähe gewünscht:

„Kommst du wegen diesem Soldaten?“, fragte der Wirt.
„Er ist im Krankenhaus gestorben“, sagte Thorson.
„Ach. Das ist ja unschön.“
„Ja, das ist unschön.“ (S. 43)

Wie immer bei Arnaldur Indriðason fließen Zeitgeschichte und Lokalkolorit in den Krimi ein, ohne zum plumpen Regionalkrimi zu werden („Petsamo“,  der Originaltitel des Buches, erhielt den Isländischen Krimipreis 2016).

So ist „Graue Nächte“ ein weiterer guter und spannender Krimi von Arnaldur Indriðason mit einer uneingeschränkten Leseempfehlung für die Fans dieses Genres.

Arnaldur Indriðason: Graue Nächte.
Bastei Lübbe, Dezember 2018.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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