Armin Strohmeyr: „Sie war die wunderbarste Frau“

Als Maria Sophia Gutermann im Dezember 1730 in Kaufbeuren geboren wird, ist ihr Vater, der „Stadtphysikus“ Georg Friedrich Gutermann, enttäuscht: Sein erstes Kind ist kein Junge, sondern ein Mädchen, das sich jedoch bald als eine Art „Wunderkind“ erweist. Schon mit drei Jahren kann sie – nach eigenen Angaben – lesen. Gefördert wird sie dabei vom Vater, der ihr – zu dieser Zeit in Ermangelung eines männlichen Nachkommens, der sich erst als 13. Kind einstellen wird – eine „für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Erziehung und Bildung zukommen“ lässt. Dennoch zielt diese Bildung immer darauf, „später eine folgsame Gattin und pflichtbewusste Hausfrau zu sein.“ Sophie wird dies verinnerlichen und sich bis ins hohe Alter danach richten.

Bald beherrscht sie das Französische perfekt, lernt aber ebenso Klavier zu spielen, zu tanzen, zu zeichnen, zu sticken und die Führung von Küche und Haushalt – eben alles, was in gehobenen Kreisen von einer Frau erwartet wird. Dass sie diese Kenntnisse perfekt anwenden kann, beweist sie nach ihrer Heirat mit Georg Michael Frank La Roche – dem Verwalter, Sekretär und wahrscheinlich auch unehelichen Sohn des Grafen von Stadion – im eigenen Haushalt. Doch immer wieder hat sie ihren eigenen Kopf und ihre Wünsche, die sie manchmal durchsetzt, manchmal aber auch nur in ihrem Inneren bewegt oder ausführlich in gefühlvollen Briefen beschreibt.

Denn die Empfindsamkeit ist ein wichtiges Merkmal ihres Charakters und ihrer Zeit. Sophie, aber auch viele ihrer Zeitgenossen scheuen sich nicht, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, sie ab und zu auch ganz bewusst einzusetzen, um Ziele zu erreichen. Davon kann sie sich auch nicht lösen, als diese Kultur sich wandelt und ihre öffentlichen oder brieflichen Gefühlsäußerungen aus der Mode kommen oder gar belächelt werden.

Armin Strohmeyr erzählt die Geschichte von Sophie von La Roche von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod im Jahr 1807 einfühlsam, kenntnisreich und mit vielen Zitaten aus ihren Schriften, aber auch aus Briefen oder Veröffentlichungen von Menschen, die sie kannten. Denn Sophie von La Roche war eine Person des öffentlichen Lebens, die mit vielen Berühmtheiten im Austausch stand. Sie hat es geschafft, als Frau und Schriftstellerin anerkannt zu werden, war bekannt in Adelskreisen, im Bürgertum und in der deutschsprachigen „Literatur-Szene“.

Mit dem Dichter und Übersetzer Christoph Martin Wieland war sie in jungen Jahren verlobt und auch nach der Auflösung der Verlobung in einer lebenslangen Freundschaft mit ihm verbunden. Wieland hatte sie immer ermutigt zu schreiben und ohne Sophie wäre er wohl nie zu dem Dichter geworden, der er war. Sie verkehrte – wenn auch nicht allzu oft – mit Goethe und Schiller, war die Großmutter von Clemens und Bettine Brentano und wurde zum Vorbild und zur Leitfigur vieler Mädchen und Frauen. Denn sie hatte sich vor allem die sittliche und moralische Erziehung und Bildung der „teutschen Töchter“ auf die Fahnen geschrieben. Ihnen gilt Sophie von La Roches Aufmerksamkeit in ihren Schriften von ihrem ersten Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ über die von ihr herausgegebene und größtenteils selbst verfasste Zeitschrift „Pomona für Teutschlands Töchter“ bis hin zu ihren umfangreichen Reiseberichten.

Wie in jeder guten Biografie spiegelt sich auch in diesem Buch der Geist der Zeit wider, erfahren die Leserinnen und Leser hautnah, wie es damals in den Bürger- und Adelshäusern zugegangen ist, aber auch, wie sich die Kultur und die Einstellungen verändert haben.

„Sie war die wunderbarste Frau, und ich wüsste ihr keine andre zu vergleichen“, schrieb Goethe über Sophie von La Roche, was ihn aber nicht davon abhielt, in seinem Briefverkehr mit Schiller milde über die alternde Autorin zu spotten.

In vielem war Sophie von La Roche eine Vorreiterin für das Recht der Frauen auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben. Sie gilt als erste Berufsschriftstellerin im deutschsprachigen Raum, war wissbegierig und intelligent und probierte auch im fortgeschrittenen Alter noch Neues aus. Doch ihre pietistische Prägung und ihr Pflichtbewusstsein führten gleichzeitig dazu, dass sie ihre Aufgaben im Haushalt und in der Familie (sie hat acht Kinder geboren, von denen fünf das Kleinkindalter überlebten) stets über ihre Ambitionen als Schriftstellerin stellte. Auch konnte sie neuen Entwicklungen in der Gesellschaft nicht immer folgen und wirkte deshalb auf manche ihrer Zeitgenossen in dieser Hinsicht rückständig. Armin Strohmeyr gelingt es sehr eindrücklich und mit viel Sympathie für seine Protagonistin, die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit zu beleuchten.

Ich kann „Sie war die wunderbarste Frau…“ nur wärmstens allen empfehlen, die in die Geschichte und Lebenswelt dieser außergewöhnlichen Frau eintauchen wollen.

Armin Strohmeyr: „Sie war die wunderbarste Frau…“ – Das Leben der Sophie La Roche.
Südverlag, März 2019.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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