Armando Lucas Correa: Die verlorene Tochter der Sternbergs

Auch wenn man schon am Anfang das Ende erfährt, bleibt der Roman von der ersten bis zur letzten Seite hochspannend. Auch wenn man solche und ähnliche Geschichten vielleicht schon öfter gelesen hat, erschüttert und berührt diese Familiengeschichte.

Der Roman wirft die Frage auf, was ein Mensch bereit ist, auf sich zu nehmen, um einen anderen Menschen zu retten, wie weit eine Mutter geht, um ihr Kind zu schützen.

Die Buchhändlerin Amanda Sternberg und ihr Mann Julius, ein Kardiologe, leben Anfang der Dreißigerjahre als Juden in Berlin. Sie haben zwei kleine Töchter, als die Lage für die jüdische Bevölkerung immer gefährlicher wird. Eines Tages wird Julius verhaftet, doch er hat vorgesorgt und die Flucht seiner Familie genau vorbereitet. Amanda soll die Mädchen nach Kuba zu ihrem Bruder schicken und selbst bei einer befreundeten Familie in Frankreich Zuflucht suchen. Doch im Moment der Trennung, als die Kinder in Hamburg auf das Schiff gehen sollen, bringt Amanda es nicht über sich, sich von beiden zu trennen. So gibt sie nur die Ältere, Viera, in die Obhut eines Ehepaares und reist mit der kleinen Lina nach Frankreich. Dort findet sie Unterschlupf bei Claire und deren Tochter Danielle.

Aber im Laufe des Krieges bleibt auch das kleine Dorf nicht verschont, die Nazis dringen auch hierhin vor und Amanda und Lina werden in ein Lager gebracht. Während all dieser Zeit verwindet Amanda die Trennung von ihrer Tochter Viera nie, sie ist zerrissen zwischen den Selbstvorwürfen, die eine Tochter allein über das Meer geschickt oder die andere behalten und so nicht gerettet zu haben.  Dieser Zwiespalt bringt sie fast um den Verstand und lässt sie schließlich die Rettung von Lina in die Wege leiten, ohne auf ihre eigenen Gefühle Rücksicht zu nehmen. Amanda schreibt Briefe an die ferne Tochter, die diese jedoch nicht erreichen, Briefe, in denen sie verzweifelt versucht, ihr Handeln zu erklären: Dann sollst du ihr sagen, dass ich sie mein Leben lang geliebt habe und dass ich getan habe, was ich konnte, um sie zu retten – auch wenn das bedeutet hat, dass ich mich selbst verleugnen und sie dazu bringen musste, zu vergessen, wer sie war und woher sie kam. (S. 329)

Der Roman ist sicher manchmal ein wenig pathetisch, vielleicht hin und wieder etwas schwülstig. Andererseits aber malt der Autor auch klare, teils brutale Bilder. Und es gelingt ihm, die Gefühlswelt der Kinder so gut zu schildern, dass man meint, ihr Leiden, ihre seelischen Schmerzen zu spüren. Die Kinder, die viel zu schnell ihre Kindheit hinter sich lassen müssen, die auf sich allein gestellt Entscheidungen treffen müssen, an denen manch Erwachsener zerbrechen würde.

Mich hat der Roman gepackt, ich konnte ihn nicht aus der Hand legen bevor ich die letzte Seite gelesen hatte. Mag er vielleicht stilistisch nicht unbedingt preiswürdig sein, die Sprache des Autors ist dem Thema angemessen, die Charaktere fein gezeichnet und er vermeidet geschickt, wenn auch nicht immer, Klischees. Im Nachwort erläutert Armando Lucas Correa, wie die Idee für diesen Roman entstand, nachdem er mit einer Frau gesprochen hatte, die als kleines Kind mit anderen Flüchtlingen auf der MS St. Louis nach Kuba gebracht wurde.

Ein lesenswertes Buch, das beweist, dass es immer noch Geschichten aus dieser dunklen Zeit gibt, die erzählt werden müssen.

Armando Lucas Correa: Die verlorene Tochter der Sternbergs.
Eichborn, April 2020.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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