Arjan Visser: Der blaue Vogel kehrt zurück

blauWas bleibt am Ende eines langen Lebens? Wenn die Erinnerung an die eigene Stärke immer mehr verblasst, während Krankheit und alte Schuldgefühle immer stärker ins Bewusstsein drängen?
Für den Juden Jonah Jacobson ist die Erfolgssträhne, Diamanten zu finden, schon lange vorbei. Fast neunzigjährig, behütet von seiner Haushälterin, ist sein Leben in Brasilien vollendet. Was an ihm zehrt, sind die Erinnerung an seine Flucht aus Amsterdam und an das abrupte Ende seiner ersten Liebe. Nun will er zurück. Zurück auf Anfang, um seinen Frieden zu finden.
Der Autor Arjan Visser, geboren 1961 in Nordbrabant, hat mit „Der blaue Vogel kehrt zurück“ seinen vierten Roman vorgelegt. Sein Leitthema ist das Abtragen von Schuld unter erschwerten Bedingungen. Sein Protagonist Jonah Jacobson trägt überraschend leicht an der Last des Alterns und seiner Erkrankung. Ebenso leicht handelt er rückblickend seine Kindheit in Amsterdam und die Flucht vor den Nazis ab, während seine Familie bereits in einem der Arbeitslager stirbt. In zwei Erzählsträngen erzählt der Ich-Erzähler Jonah seine Lebensgeschichte und ist dabei bemüht, es jedem recht zu machen. Sein Lebensthema „Bloß niemanden vergraulen“ wird deutlich, wenn er beiläufig erklärt: „… Gegen die Röntgenaufnahme meiner Lunge habe ich nichts einzuwenden, weil ich, solange es mich noch gibt, gern etwas erleben möchte und den Leuten hier damit einen Gefallen tun kann, aber jetzt wäre es mir doch lieber, wenn man sie verschieben würde.“ (S. 203)
Auf der ersten Erzählebene beschreibt Jonah, wie er als gebrechlicher Mann versucht, seine erste Liebe zu finden. Auf der zweiten Erzählebene wird über den Prozess des Erinnerns, zum Teil auch wirr im Fieberwahn, der junge Jonah sichtbar. Wie ein Puzzle geben die einzelnen Kapitel allmählich ein Bild preis, das wenig Raum für Gnade, Abbitte oder Aussöhnung bietet. Die Frage, warum Jonah über sechs Jahrzehnte verstreichen ließ, um sich seinem Fehlverhalten als junger Mann zu stellen, bleibt unbeantwortet. Vielleicht ist seine Entschuldigung auch ganz einfach gedacht: ‚Wenn der Zug meines Lebens abgefahren ist, kann ich immer noch erklären, ich wäre ja schließlich gekommen … im letzten Wagon, im letzten Abteil auf die letzte Sekunde.

Arjan Visser: Der blaue Vogel kehrt zurück.
dtv, Februar 2014.
280 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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