Anuk Araudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe

Die Geschichte einer kurzen Ehe ist kurz. Dinesh, ein junger Mann, hilft in einer mobilen Klinik aus, die mitten im Dschungel in einem Flüchtlingslager den Verletzten erste Hilfe gibt. Jeden Tag wird das Lager mit Mörsergranaten beschossen. Es gibt für die Flüchtlinge keinen Ort mehr, wo sie Schutz finden können. Während Dinesh eine Grube für die Verstorbenen und Leichenteile aushebt, wird er von einem alten Mann angesprochen. Dieser verlor vor kurzen bei einer Bombardierung seine halbe Familie. Jetzt hat er nur noch seine Tochter Ganga, für die er Schutz und Halt sucht, wenn er nicht mehr leben sollte. Dinesh lässt sich darauf ein. Nach dem väterlichen Segen sind die beiden allein, zwei Fremde, die mitten im Krieg ein Leben zu zweit versuchen.

Anuk Arudpragasam, geboren 1988, hat mit seinem Debütroman viel Aufmerksamkeit erfahren, als er mit ihm den DSC Prize for South Asien Literature gewann. Übersetzt wurde der Roman von Hannes Meyer.

Im Zentrum seiner einfühlsamen Kriegsgeschichte steht der junge Dinesh, traumatisiert, bettelarm und inzwischen ohne Familie. Von ihm ist nur noch wenig Menschliches übrig geblieben, und er kann nur noch in sein Innerstes fliehen. Als Ganga für ihn kocht, isst er seit langem wieder von einem Teller. Das ungewohnte Gefühl der Sättigung holt ihn allmählich zurück in die Außenwelt. Dabei bemerkt er die schmutzige Schicht auf seiner Haut, die ihn wie einen Panzer einhüllt. Dinesh will Ganga gefallen. Sie soll stolz auf ihn sein. Er schneidet sich die Haare und Nägel, reinigt Kleidung und Körper. Der Weg für ein neues, menschenwürdiges Leben könnte beginnen, wenn nicht der Krieg wäre.

Anuk Arudpragsam beschreibt am Beispiel des jungen Dinesh, wie viel Seele und Würde die Kriegswirren übrig lassen. Er fokussiert nicht so sehr den Opferstatus und die Brutalität der Umstände sondern das Überleben von purer Menschlichkeit.

Aktuell, politisch ohne erhobenen Zeigefinger wurde das Drama unzähliger Kriegsflüchtlinge in feine Literatur verpackt.

Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe.
Unionsverlag, Januar 2019.
224 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.