Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof

Übelkeit, Schwindelgefühl, Schmerzen. Jaakko ist zum Arzt gegangen, um sich Antibiotika verschreiben zu lassen, damit die lästigen Symptome verschwinden. Es stellt sich heraus, dass er nicht an einem grippalen Infekt leidet, sondern schleichend vergiftet wurde, wichtige innere Organe sind schwer geschädigt. Es gibt nichts, was der Doktor noch für ihn tun kann. Jaakko bleiben Tage, vielleicht Wochen. Als er das Naheliegende tun und mit seiner Frau Taina sprechen will, ist sie zu beschäftigt, um ihn überhaupt zu bemerken. Sie vögelt gerade im heimischen Garten mit dem Fahrer der Firma, welche die Eheleute gemeinsam aufgebaut haben.

Das Leben, in dem es sich Jaakko gemütlich gemacht hat, ist vorbei. Nicht nur Tainas gutes Essen, das Jaakko hat fett werden lassen, oder die Tätigkeit als Geschäftsführer im eigenen Unternehmen, das mit Matsutake-Pilzen handelt, nicht nur der beschauliche Alltag im finnischen Hamima mit Blick aufs Meer – nein, das Leben an sich. Das Sein. Zu allem Übel hat sich auch noch eine Konkurrenzfirma im Ort angesiedelt, mit deren Mitarbeitern nicht zu spaßen ist. Jaakko liebt Listen, für diese Situation hat er keine To-Do-Liste parat. Er ist einfach nicht aufs Sterben vorbereitet. Doch drei Dinge will er erledigen, koste es, was es wolle: 1. Herausfinden, wer ihn vergiftet hat. 2. Seine Pilzfirma im bestmöglichen Zustand mit guten Zukunftsaussichten hinterlassen. 3. So lange am Leben bleiben wie möglich. „Ich bin nicht krank, ich sterbe nur“, sagt sich Ich-Erzähler Jaakko, ignoriert seine gesundheitlichen Beschwerden und macht sich an die Arbeit.

Jaakko ist ein Typ, der mir nicht besonders sympathisch ist. Träge, mäßig empathisch, durchschnittlich intelligent. Aber er verdient Respekt; nach der Diagnose lässt er sich zu keiner Zeit hängen, sein Selbstmitleid hält sich in Grenzen, er wird zum Kämpfer und geht bis zum Äußersten. Beim Versuch, seinen Mörder zu finden und die Firma zu retten, gerät er in mehr als eine wahnwitzige Situation. Trocken und mit viel schwarzem Humor analysiert er seine Befindlichkeiten und die Menschen, die er zu kennen glaubte. Giftig sind nicht nur manche Pilze, sondern auch Jaakkos Kommentare.

Was sich hier recht schnell und mit dem einen oder anderen ungläubigen Grinsen weglesen lässt, hat auch Tiefgang. Im Grenzbereich zwischen Leben und Tod wird Jaakko nachdenklich und wirft die Frage auf, wie er sein Leben besser hätte leben können. „Es ist seltsam. Wie lange ich in dem Glauben gelebt habe, unsterblich zu sein, als würde Sommer auf Sommer folgen, als würde der nächste besser werden als der vergangene. Wahr ist, dass wir nur einen Augenblick haben: einen Moment lang Sonne, einen hellen Schein, den wir nicht verstehen, einen Raum aus Zeit, der schwindet.“ (Zitat S. 82) Auf den letzten Metern bis zum Friedhof macht Jaakko jedenfalls das Beste daraus.

Die Auflösung, wer Jaakko vergiftet hat, ist für mein Empfinden nicht sonderlich originell, auch ein paar Druckfehler im Buch haben mich gestört. Trotzdem: Leseempfehlung für alle, die schrägen Humor und kriminalistische Ratespielchen lieben.

Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof.
Rowohlt, Januar 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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