Antonio Ortuño: Die Verschwundenen

Aurelio Blanco ist unglücklich in die drei Jahre ältere Alicia verliebt. Weil er und seine Mutter auf dem Anwesen ihrer Eltern leben, arbeitet er schon als Junge für ihren Vater, den einflussreichen Carlo de Flores. Aus einer Laune heraus akzeptiert sie ihn als Sexualpartner, behandelt ihn jedoch wie einen Hund und nennt ihn auch so.

Eines Tages wandelt sich Alicias Unglück in sein ganz persönliches Glück. Er soll die entehrte Alicia heiraten und arbeitet nun in der Baufirma seines Schwiegervaters.

Noch immer folgt er bedingungslos de Flores Anweisungen. Auch als der Schwiegervater ihn für das Gericht, die Investoren und Presse als Sündenbock für die eigenen Betrügereien präsentiert. Angeblich soll Blanco nur für kurze Zeit ins Gefängnis.

Nach fünfzehn Jahren Gefängnis steht er ihm und seiner Familie erneut gegenüber. Der Tag der Abrechnung für den Verlust von Freiheit, Ehe und Familienleben fällt mit dem Weihnachtsfest zusammen, dem Tag der Liebe.

1976 wurde der Mexikaner Antonio Ortuño in Guadalajara geboren. Sein Geburtsort wird zum Schauplatz der organisierten Kriminalität. Er beschreibt einen Ort, an dem sinnlos 50 % aller Schwarzgelder in fragwürdige Bauprojekte fließen. An konkreten Ereignissen zeigt der Autor, wie in einem gesetzlosen Bezirk durch Betrügereien alles zerstört wird, was im Wege steht. Das daraus resultierende Spannungsverhältnis zwischen arm und reich, insbesondere zwischen Aurelio und Alicia als Stellvertreter, zieht sich durch den ganzen Roman. Von der ersten bis zur letzten Zeile eröffnen sich Überraschungsmomente, neue Wendungen, die den dampfenden Sumpf aus Geben und Nehmen sowie Aaspickerei offenlegen. Besonders stark wird der Roman, wenn der Autor ganz schlicht von menschlichen Katastrophen erzählt.

Antonio Ortuño hat glaubwürdig einen Mikrokosmos geschaffen, der von selbsternannten Königen beherrscht wird, die wiederum ständig damit rechnen müssen, von einem neuen selbsternannten König abgesetzt zu werden. Der Weg des Geldes als Motor für Macht und dessen Fehlen für Ohnmacht zeigt, wie eine mexikanische Gesellschaft nicht mehr funktionieren kann. Gleichzeitig lässt sich dieser monetäre Fluss, der letztendlich nur ideelle Werte und ein Versprechen symbolisiert, auf andere Schauplätze übertragen. Die Gier nach Geld und Einfluss ist bekanntlich ein Spiel, in das ziemlich viele verstrickt sind.

Inzwischen wurden in Deutschland noch zwei weitere Romane von Antonio Ortuño veröffentlicht. Die letzten beiden übersetzte Hans-Joachim Hartmann. Der Autor lebt zur Zeit dank eines Stipendiums des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Berlin.

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen.
Verlag Antje Kunstmann, März 2019.
240 Seiten, Gebunene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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