António Lobo Antunes: Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet

Immer noch wartet eine betagte Theaterschauspielerin auf einen Anruf für ein Rollenangebot. Immer noch träumt sie davon, vielleicht Karriere machen zu können. Ihr Leben und Traum war stets gewesen, in unterschiedlichste Identitäten schlüpfen zu können. Jetzt ist sie an Demenz erkrankt, wird sich täglich selbst fremder und weiß manchmal nicht mehr, wer sie eigentlich ist. Realität, Gedanken, Erinnerungen, Verwirrungen vermischen sich. Viele durcheinandergewürfelte Fragmente zeigen auf, wer diese Frau ist und war. So konfus wie sie sich selbst und ihr beeinträchtigtes Dasein wahrnimmt, lernt man ihr Umfeld, ihre Kindheit, ihre Vergangenheit als Theaterschauspielerin und ihre Eltern samt deren Leben nach und nach kennen. Diese Gedanken hüpfen vor und zurück. Von einer Sekunde auf die andere sieht sie sich wieder als Kind im Arm des Vaters, hat das Bild der Mutter vor Augen, die Maschen ihrer Häkelarbeit zählt oder versucht sich an die Monatsnamen zu erinnern. Das Abbild eines Windhunds auf der Küchenschürze gewinnt an Bedeutung für sie. Sie hört diesen Hund gar bellen und sucht ständig in der Wohnung nach ihm. Dabei schläft sie auch schon mal zwischen den Konservendosen in einer Kiste, als sie nicht mehr in ihr Schlafzimmer zurückfindet. Worte verschwinden in ihren Gedanken wie manche Menschen. Zeitebenen verschwimmen ineinander. Gesichter, die nie von Bedeutung waren, leben wieder auf. Das Leben der anderen wird zu ihrem Leben. Ängste aus ihrer Kindheit erlebt sie in einer Intensität, als wären sie aktuell. Ereignisse verflüchtigen sich und kehren wieder zurück. Der geistige Verfall nimmt seinen Lauf. Dazwischen mischt sich reales Geschehen wie die Anweisungen und Verrichtungen ihrer Pflegerin. Die zeitweilige Anwesenheit des Neffen ihres verstorbenen Mannes, der ihre Rente verwaltet, registriert sie sehr wohl. Sie hört unter anderem auch Gespräche des Arztes mit dem Neffen über ihren Zustand.

António Lobo Antunes zeigt mit seinem Röntgenblick in den Kopf seiner Protagonistin den Verlust der eigenen Persönlichkeit erschreckend identisch nach. Er weiß, wovon er schreibt, denn er ist nicht nur Schriftsteller sondern auch Psychiater. Präziser kann man den Blick in eine demente Seele wohl nicht aufzeigen. Gleichzeitig erfordert die hierzu analog gehaltene chaotische Textstruktur sehr viel Konzentration und Durchhaltevermögen.

Die Übersetzung aus dem Portugiesischen stammt von Maralde Meyer-Minnemann.

António Lobo Antunes: Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet.
Luchterhand Literaturverlag, November 2019.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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