António Lobo Antunes: Bis die Steine leichter sind als Wasser

Der Vater, Leutnant in der portugiesischen Armee im Krieg in Angola, zerstört mit seinen Leuten ein Dorf, mordet, brandschatzt. Stellt sich schützend vor einen schwarzen Jungen, dessen Eltern er zuvor getötet hatte. Nimmt das Kind mit nach Portugal und an Sohnes statt auf.

Viele Jahre später sticht der Sohn den Vater beim Schlachtfest nieder und wird darauf von den Nachbarn erschlagen. Das ist der Rahmen und er wird gleich auf den ersten Seiten aufgebaut.

Der Autor António Lobo Antunes war selbst in Angola, hat den Krieg miterlebt, die Gräuel, das Leiden. Das Buch ist ein Zeugnis davon. Es ist keine leichte Lektüre. Der Autor lässt abwechselnd Vater und Sohn sprechen, lässt den Leser in die Gedankenwelt eintauchen. Die Stimme des Vaters ist voller Resignation, voller Enttäuschung und schwer fassbarer Schuld. Die Bilder der Kriegserlebnisse beherrschen sein Denken, überschatten alltägliche Geschehnisse. Die Gespräche mit dem Psychologen konnten daran nichts ändern. Die Stimme des Sohnes ist voller Zynismus, genährt aus Demütigungen durch Familie und Ehefrau. Er ist zwischen allen Welten und nirgends zu Hause. Er fährt mit seiner Ehefrau, die er spöttisch als Exzellenz bezeichnet und die ihn verachtet, obwohl sie von seinem Geld lebt, ins Dorf zu seinen Eltern, die nicht wirklich seine Eltern sind, wo Schlachtfest gefeiert werden soll.

Endlose Schleifen von Bildern, Wörtern, Erinnerungen. Formulierungen, die abgeschliffen und mit immer wieder neuer Gestik oder Betonung ausgeformt werden, ihren Platz suchen und nie fertig sind. Von Kapitel zu Kapitel um weitere Elemente erweitert werden.

Im Strom der Gedanken gibt es weder Punkt noch Fragezeichen, auch keine Anführungszeichen, es gibt nur Kommas und Zeilensprünge und hier und da Gedankenstriche. Nicht immer weiß ich, ob ein Satz gesprochen oder nur gedacht wird, der Text folgt losen Assoziationsketten und kehrt immer wieder zum beherrschenden Thema zurück – dem Krieg und seinen Folgen.

Als später die Stimmen von Mutter und Tochter, die die leibliche Tochter des Paares ist, dazu kommen, wird deutlich, wie sehr sich der Krieg ins Familienleben gefressen hat, wie sehr er Leben und Empfinden aller beeinflusst hat. Der Vater ist nie richtig aus Afrika zurückgekommen. Und jeder weiß und akzeptiert irgendwie, das der Sohn den Vater töten wird.

„Bis die Steine leichter sind als Wasser“ ist ein Buch für Leser, die Literatur nicht nur als Unterhaltung ansehen, sondern als Teil der großen Geschichte der Menschheit, als Bildungsangebot und Wissensspeicher. Ich habe den Text Wort für Wort, Satz für Satz gelesen, nicht mit Genuss, das verbietet der Inhalt, eher mit Geduld und dem Wunsch zu verstehen. Das Buch erzählt einen Ausschnitt unserer Geschichte, den wir auf keinen Fall vergessen dürfen.

António Lobo Antunes: Bis die Steine leichter sind als Wasser.
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann.
Luchterhand Literaturverlag, April 2021.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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