Antonin Varenne: Äquator

Nebraska 1871. Pete Ferguson ist seit Jahren auf der Flucht. Er und sein jüngerer Bruder werden als Deserteure des Bürgerkriegs gesucht; die Bowman-Ranch, ihren Zufluchtsort, musste er verlassen, nachdem er einen Mann getötet hatte. Jähzorn, Beschützerinstinkt und unbedingter Gerechtigkeitssinn lassen ihn immer wieder gewalttätig werden. Er ist unter falschem Namen unterwegs, allein mit seinem Pferd Reunion. In den Plains schließt er sich einem Trupp von Bisonjägern an; die Bisons sind beinahe ausgerottet, die Jäger sind den letzten Tieren auf der Spur. Einer von ihnen erzählt Pete vom Äquator, dieser Linie, die man überschreiten muss, um auf die andere Seite der Erde zu gelangen, wo die Menschen auf dem Kopf gehen und das Wasser die Flüsse hinauf fließt. In Petes Vorstellung könnte das Überschreiten des Äquators seine Erlösung bedeuten, das Ende der Gewalt, den Anfang von Gefühlen.

Er macht sich auf die Reise nach diesem Sehnsuchtsort, geht immer weiter nach Süden, schließt sich Komantscheros an, begeht einen Auftragsmord in Mexiko, lässt sich für eine Verschwörung in Guatemala anwerben, die er zum Scheitern bringt, um das Leben einer Indiofrau zu retten. Nun sind sie zusammen auf der Flucht, zwei Heimatlose, die nur noch einander haben. Maria macht die Reise zum Äquator zu ihrer eigenen. Sie schlagen sich nach Brasilien durch, schaffen es bis zum Delta des Amazonas und endlich an den Äquator.

Pete, spröde und unberechenbar, ist kein Held, den ich beim Lesen ins Herz schließe. Viele seiner Handlungen kann ich nicht nachvollziehen; ich fürchte, das kann nicht einmal er selbst. Ich glaube nicht daran, dass Pete am Äquator findet, was er sucht. Dennoch folge ich ihm durch Nord- und Südamerika, werde angeschossen, überlebe nur knapp die Meuterei auf einem Schiff, sehe die Folgen der Eroberung durch die Weißen für die Natur und für die Ureinwohner. Pete hält mich auf Abstand; ich bleibe Zuschauerin seiner Abenteuer, erlebe sie nicht mit.

Die chronologische Abfolge wird gelegentlich durch kursiv gedruckte Abschnitte unterbrochen. Dies sind Briefe und Tagebucheinträge von Pete, aus denen sich nach und nach seine Vergangenheit erschließt. Durch die Menschen auf der Bowman-Ranch hatte Pete Zugang zu Bildung und ist wider Erwarten recht belesen. Varenne schreibt schnörkellos und distanziert; die Tagebücher und Briefe heben sich nicht nur durch den Kursivdruck hervor, sondern auch durch den beinahe poetisch anmutenden Stil.

„Äquator“ ist ein Abenteuerroman, der sicherlich seine Anhänger finden wird.

An einigen Stellen gibt es Verweise auf Varennes früheren Roman „Die sieben Leben des Arthur Bowman“. Es ist jedoch nicht erforderlich, diesen zuerst zu lesen.

Antonin Varenne: Äquator.
C. Bertelsmann Verlag, März 2018.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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