Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Antje Rávik Strubel (Jahrgang 1974) hat mit ihrem Roman „Blaue Frau“ in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnet jedes Jahr zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen „Roman des Jahres“ aus. „Blaue Frau“ erschien am 11. August 2021 im S. Fischer Verlag.

Die junge Tschechin Adina Schejbal, Urenkelin eines Partisanen und letzter Mohikaner ihres Dorfes, sitzt allein in einer Wohnung in einem Plattenbau in der Vorstadt Helsinkis. Sie trinkt Kaffee mit Schnaps und denkt darüber nach, Anzeige zu erstatten. Allerdings ist seit dem Verbrechen ein Jahr vergangen. Leonides Siilmann, verheirateter estnischer Abgeordneter in Brüssel, der an der Universität von Helsinki lehrt, kam ihr dazwischen. Doch die Erinnerungen an Berlin mit der Fotografin Rickie und den Gutshof an der Oder mit dem Halbrumänen Razvan Stein und dem Berliner Strippenzieher Johann Manfred Bengel sind übermächtig. Mit Hilfe der finnischen Menschenrechtsaktivistin und Abgeordneten Kriistina will Adina sich der Vergangenheit stellen.

Und daneben trifft die Schriftstellerin die blaue Frau hinter dem Tunnel unter der dreispurigen Strasse in dem kleinen Seglerhafen am Meer.

Adina Schejbal stammt aus einem tschechischen Dorf, in das die Touristen im Winter zum Skilaufen kommen. Dann hilft Adina in der Glühweinbude am Sessellift aus. Sie spart, um das Dorf zu verlassen. Nachts chattet sie in Rio. Dort kennt man sie als letzten Mohikaner. Adina ist der letzte Teenager von Harrachov. Das ist die Protagonistin.

Und mit ihr erzählt Antje Rávik Strubel ein Stück europäischer Geschichte: von der Überheblichkeit des Westens gegenüber dem Osten, von der Ausbeutung junger, osteuropäischer Frauen als billige Arbeitskräfte, von sexuellen Übergriffen und Gewalt alter, westeuropäischer Männer, vom zähen Fluß der europäischen Politik und von Korruption.

Und sie erzählt eine MeToo-Geschichte: da streitet der intellektuell-weiche estnische Abgeordnete Leonides für die Menschenrechte und übersieht die Gewalterfahrung seiner geliebten Sala (Adina), da speichelleckt der Macher Razvan Stein den wichtigen Multiplikator Johann Manfred Bengel, der seine Macht skrupellos ausnutzt, Gewalt als Jungenstreich verharmlost und da kämpft die Finnin Kriistina für Gerechtigkeit.

Der Roman besteht aus vier Teilen. Strubel wechselt die Zeitebenen. Die Geschichte beginnt und endet in Helsinki. Dazwischen werden wir als Lesende Zeugen von Adinas hoffnungsvollem Aufbruch aus ihrem Heimatort Harrachov, ihrer Begegnung mit der selbstbewußten, egoistischen Fotografin Rickie in Berlin, ihrer traumatischen Gewalterfahrung in einem Kulturprojekt an der Oder, ihrer Flucht nach Finnland und ihrer Begegnung mit den Gutmenschen Leonides und Kriistina in Helsinki, durch die so nichts gut wird. Manchmal bewegt Antje Rávik Strubel sich hart an der Grenze zum Klischee, vor allem beim Politiksprech der männlichen Figuren.

Doch ich erlebe Adina, Salina, Sala, den letzten Mohikaner in ihrer Naivität, ihrer Gutgläubigkeit und ihrer Einsamkeit so intensiv, als säße ich bei ihr auf dem Sofa in der Plattenbauwohnung. Und das gelingt Antje Rávik Strubel eindringlich gleich mit dem ersten Satz des Buches. Mit ihrer Sprache, ihren kurzen Sätzen, ihren feinen Beschreibungen, ihren kargen Dialogen.

Und mit der blauen Frau, die geheimnisvoll auftaucht, verschwindet und wieder kommt. Die vielleicht Ähnlichkeit mit der Protagonistin hat, so wie die Schriftstellerin vielleicht die Autorin des Buches ist, die auch eine Zeit lang als Writer in Residence in Helsinki gelebt hat.

Nur gut, dass Antje Rávik Strubel der blauen Frau begegnet ist. Absolut preiswürdig und lesenswert!

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau.
S. Fischer, August 2021.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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