Anthony Powell: Die Philosophen des Krieges (1968)

1941 begegnet Nicholas Jenkins seinem alten Schulkameraden Widmerpool in einer dienstübergreifenden geheimen Besprechung und ist verwundert. Denn vor kurzen geriet dieser in der Hierarchie der Armee in Misskredit. Dieses déjà vu ähnelt früheren Erlebnissen, als der Jugendliche Widmerpool ausgegrenzt, belächelt oder direkt angegangen wurde. Dank eines Zufalls sitzt er nun an einer Schlüsselstelle innerhalb der Verwaltung. Und dies nur, weil Nicholas alter Schulfreund, Peter Templer, nicht den 16-Stunden-Job leisten und die langen Sitzungen protokollieren will. Erst als es zum Eingreifen zu spät ist, begreifen Nicholas und Peter, dass Widmerpool durch seine Position entscheiden kann, wie der Zweite Weltkrieg verlaufen soll. Doch was nützt ihm der ungewohnte Einfluss, wenn er in den Kreisen von Templer und anderen aus der Oberschicht weder erwünscht noch aufgenommen wird?

Zur gleichen Zeit begegnet Jenkins der attraktiven Pamela Flittons, die als Fahrerin ihren Dienst leistet. Dunkel erinnert er sich daran, dass es sich bei der jungen Frau um die Nichte eines weiteren alten Freundes handelt. Auch Pamela befindet sich in einem Krieg. Sie hat es auf die Männer abgesehen, die sich in sie verlieben, bis ihre vermeintlich neue Liebe für das Ende ihrer Karriere verantwortlich ist, darunter befinden sich auch Nicholas Freunde und Bekannte.

„… innerhalb des knappen Jahres, das vergangen war, seitdem sie nicht mehr für die Abteilung fuhr, war Pamela Flittons Name bereits für […] diese Art von Abenteuern berüchtigt geworden.“ (S. 87) Mit Interesse verfolgt Jenkins Pamelas Rachefeldzug, vor dem auch Widmerpool nicht sicher ist.

Anthony Powell (1905 – 2000) zählt zu den großen Autoren, dessen zwölfbändiges Werk Ein Tanz zur Musik der Zeit mit den großen Werken von Balzac, Joyce oder Thomas Mann verglichen werden kann. Der neunte Band hieraus, übersetzt von Heinz Feldmann, wurde gerade neu aufgelegt und zeigt, wie zeitlos Machtkämpfe sind. Es dürfte unter anderem am Charakter des Menschen liegen, der stetig und teilweise rücksichtslos nach Höherem oder Vergeltung strebt. Das Ausspielen unterschiedlicher Hierarchien innerhalb der Alliierten und der englischen Armee beschreibt der Autor so lebendig, dass man ihm seine persönliche Anwesenheit glauben möchte.

„‚Wenn sie Ärger machen‘, sagte der Feldmarschall, ‚schieß ich sie ab. Ist das klar? Ich schieß sie ab.‘
‚Ja, Sir‘, sagte Gauthier.
‚Wirklich?‘
‚Absolut klar, Sir‘“ (S. 207)

Immer wieder bettet der Autor eine originelle Charakterbeschreibung im kriegerischen Organisationsapparat ein, die eine weitere Bedeutungsebene eröffnet: „… Er hatte tiefliegende, eiskalte Augen. Man dachte sofort an ein Tier, […] an die hundegesichtigen respektive vogelgesichtigen ägyptischen Gottheiten […] seine Stimme […] war ihrem Wesen nach eine Armeestimme, aber präzise, kontrolliert, ja fast geziert – es sei denn, sie äußerte eine so schreckliche Warnung wie die gegenüber Gauthier de Graf.“ (S. 212, 213) Der kluge und gebildete Erzähler Jenkins nimmt seine Wegbegleiter unter die Lupe. Er nimmt sich Zeit, wartet ab, bis viele Rätsel gelöst sind. Eine Erkenntnis gibt er seinen Lesern mit:  „Sehr bald  schon würden […] Leute sowieso anfangen zu sagen, der Krieg sei sinnlos gewesen“ (S. 259) Wer sein Herz für Literatur öffnet und die Werke von Anthony Powel nicht kennt, braucht für ein besseres Verständnis der Rivalen die Lektüre des ersten Bandes. Die erzählten Geschichten aus einer vergangenen Zeit bleiben im Kopf. Anthony Powell schafft es, Literatur und gesellschaftliches Leben so eng miteinander zu verknüpfen, dass neue Perspektiven hervortreten.

Anthony Powell: Die Philosophen des Krieges (1968).
dtv, Juni 2020.
288 Seiten, Taschenbuch, 11,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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