Anthony McCarten: Licht

Es ist eine spannende Zeit: Ende des 19. Jahrhunderts legt der technische Fortschritt mit Glühbirne, Elektrizität, Phonograf, Telefon, Kühlschrank und Kautschuk-Kondom ein rasantes Tempo vor. Erfindergenie Thomas Alva Edison, „der ein Orchester in eine Kiste packte“ (so wurde der erste Schallplattenspieler tituliert) nimmt hierbei eine wichtige Schlüsselrolle ein. Der Roman widmet sich den wichtigsten Stationen seines Lebens, von 1878 bis zum Jahr 1929. Der greise Erfinder blickt auf sein Leben zurück und auf eine Kooperation, die seine Arbeit verändern sollte. Die mit dem Finanzmagnaten J. P. Morgan. Neben dem technischen Fortschritt prägt noch eine wesentliche Veränderung den gesellschaftlichen Wandel: das Aufkommen der internationalen, monopolisierten Geldwirtschaft. Mit Multi-Milliardär Morgan, dessen Vermächtnis heute als Symbol der Finanzkrise von 2008 assoziiert wird, steht ein Geldhai an der Spitze, der neue Regeln aufstellt. Eine Idee allein ist nichts wert. Die Wirtschaftlichkeit allein bestimmt, ob eine Erfindung der Welt zugänglich gemacht wird oder nicht.

Wer war Edisons große Liebe? Wie schaffte es der Junge, dem eine höhere Schulbildung versagt blieb, zu einem der größten Erfinder der Welt zu werden? Warum unterhielt er sich überwiegend in Morsezeichen? Welch inneren Dämonen trieben ihn um? All diese Fragen machen den Privatmenschen Edison greifbar. Dieser war nicht nur genial, sondern auch äußerst exzentrisch! So arbeitete Thomas Alva Edison an einer Maschine, die einen Kontakt zum Totenreich ermöglichen sollte. Grund: Edisons erste Frau Mary starb bereits in jungen Jahren. Aufgrund seines schlechten Gewissens, weil er sie ständig vernachlässigt hatte und zum Zeitpunkt ihres Todes nicht einmal anwesend war, möchte er Wiedergutmachung leisten. Dazu kommen noch zwei weitere dramatische Todesfälle aus seiner Vergangenheit, an denen er sich ebenfalls die Schuld gibt.

Das Privatleben wird bei Edison aber ständig in den Hintergrund gedrängt. Denn mit dem Aufkommen der Sponsoren und Banken sieht sich der Erfinder seinem wichtigsten Wettstreit gegenüber. Konkurrent Nicolas Tesla propagiert für Wechselstrom, Edison für Gleichstrom. Die Sponsoren schwanken unschlüssig hin und her. Um Tesla zu vernichten, ist der von Morgan unter Druck gesetzte Edison bereit, seine eigenen Grenzen und Werte zu verraten.

Anthony McCarten vermeidet plakative Showdowns à la „Wissenschaft versus Finanzwesen“. In Dialogen, die mit subtilem Wortwitz glänzen, lässt McCarten diese Welten aufeinanderprallen. Stattdessen widmet sich der Autor McCarten den weitaus spannenderen Konflikten: den inneren Konflikten seiner Darsteller. Diese bieten, im wahrsten Sinne des Wortes, erheblich mehr Zündstoff. Edison, der sich als Menschenfreund sieht, muss mit ansehen, wie eine seiner Erfindungen zur Tötungsmaschine umfunktioniert wird. Obwohl er Tiere mag, muss er sie in Tierversuchen opfern, obwohl er seine Familie liebt, kann er sie nicht lieben. Der unansehnliche J. P. Morgan mit seiner Knollennase ist trotz seiner optischen Einschränkungen aufgrund seines Geldes und seines diabolischen Charismas ein wahrer Frauenheld. Morgen ist Fürsprecher einer Kampagne, die weibliche Genitalien auf Statuen verhüllen will, sponsort aber eine Abteilung in einem New Yorker Krankenhaus, in dem seine Geliebten heimlich Abtreibungen durchführen können.

Die Lektüre bestätigt den Leitsatz „Geld regiert die Welt“ und zeigt die Anfänge von Strukturen, die wir noch heute auf dem Weltmarkt vorfinden. Er wirft ein Licht auf den schwierigen, exzentrischen Charakter von Genies. Aus der Ferne bewundern? Ja. Fürs Familienleben geeignet? Nein. So soll sich Nikolas Tesla sogar die eigenen Hoden entfernt haben, um besser Kontakt mit göttlichen Botschaften aufnehmen zu können…

Fazit: Eine im wahrsten Sinne des Wortes erhellende Lektüre über einige der schillerndsten Gestalten unserer Geschichte!

Anthony McCarten: Licht.
Diogenes, August 2018.
368 Seiten, Taschenbuch, 13,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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