Annette Hug: Wilhelm Tell in Manila

tellHugs Roman erzählt die Lebensgeschichte von José Rizal und gleichzeitig das klassische Drama „Wilhelm Tell“. Dabei liegt der Fokus auf Rizals Zeit in Deutschland, in der er Schillers „Wilhelm Tell“ liest und übersetzt.

Der Augenarzt und Freiheitskämpfer José Rizal kommt 1886 nach Deutschland, als die Philippinen noch eine Kolonie des spanischen Weltreichs sind.

In Heidelberg praktiziert er als Augenarzt,  lernt  die deutsche Sprache und arbeitet an einem Roman.

Als er Friedrich Schillers Wilhelm Tell liest, beschließt er, den Text in seine Muttersprache Tagalog zu übersetzen. Doch wie transferiert man Wilhelm Tells schweizer Freiheitskampf in eine völlig andere Kultur? Wie sollen die Menschen in Manila sich ein Bild machen von Vögten, Handlangern und der Reichsunmittelbarkeit?

Wie kann es Rizal gelingen, das Thema Freiheit in Manila in eine Geschichte zu gießen und dem Volk zu präsentieren?

Schillers Ideen sind gefährlich. Für sein unterdrücktes Volk will Rizal Schillers Ideen zugänglich machen, und das gelingt ihm mit Worten, die den spanischen Mönchen unbekannt sind. Seine Übersetzung offenbart, verschleiert, berichtet, warum Tell den Apfel vom Kopf seines Sohnes schießt. (Gibt es in Manila Äpfel? Ich werde hier nichts verraten.)

Annette Hug beschreibt Rizals Übersetzertätigkeit in fesselnden Worten aus Grenzgang zwischen den Welten: „Versuchsweise übersetzt er einige Zeilen (…) Aus den Laubbäumen ragen plötzlich Felsen auf (…) so ist das auch in Kalamba, im Hinterland Manilas, wo sich der Berg Makiling über einen See erhebt. (…) Wenn Rizal übersetzt und der Wald zum gubat wird, der Himmel ein langit, dann wird der Maikiling zum Vorposten eines felsigen Gebirges, tagalische Alpen erheben sich am Rand des Pazifiks.“

Annette Hug, geboren 1970 in der Schweiz, hat in Zürich und Manila Geschichte und Women and Development Studies studiert. Nach Tätigkeiten als Dozentin und Gewerkschaftssekretärin lebt sie heute als freie Autorin in Zürich. „Wilhelm Tell in Manila“ ist ihr dritter Roman.

Es ist ein Abenteuer, Hugs Roman zu lesen, ihre Sprache begeistert, die unglaubliche Geschichte einer Übersetzung fesselt bis zur letzten Seite. Unbedingt lesen!

Annette Hug: Wilhelm Tell in Manila.
Das Wunderhorn, März 2016.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,80 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

 

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