Annegret Held: Eine Räuberballade

Hier nun der dritte Band der Trilogie um das Westerwälder Dorf Scholmerbach. Diesmal verlegt die Autorin die Geschichte an das Ende des 18. Jahrhunderts.

Tatsächlich gemahnt der Roman an eine Ballade. Er erzählt von Hannes, dem Sohn von Wilhelm. Die beiden sind so grundsätzlich verschieden – aufsässig, wild, ungebärdig der Sohn; fromm und vom Leben gezeichnet der Vater. Es kommt eines Tages zum Eklat und Hannes geht fort. Er schließt sich einer Bande von Räubern an und lernt, wie ein Auszubildender, das Handwerk der Räuberei. Dabei steht er sich reichlich oft selbst im Weg, verstößt er doch auch hier immer wieder gegen die Regeln und bringt mehr als einmal die ganze Bande in Gefahr.

Derweil ist Wilhelm immer verzweifelter, er hat ja auch noch seine schwer kranke Frau und die kleine Tochter, die er versorgen muss. In der Hoffnung auf Hilfe begibt er sich auf eine Wallfahrt und tatsächlich, als er nach Hause kommt, scheint es seiner Frau besser zu gehen.

Und da gibt es noch Gertraud, die beim Müller als Magd unterkommt. Gertraut passt so gar nicht in das Bild der fügsamen, dem Manne gehorchenden Frau. Sie widersetzt sich den Anweisungen der Müllerin, streitet auf das Heftigste mit dem Müller und schikaniert den Knecht. Doch gerade ihre forsche Art sorgt dafür, dass sie oft die Geschäfte für den Müller abschließt, da sie sehr gut verhandeln kann mit den Bauern, die das Korn bringen und das Mehl holen. Und Gertraud ist stark, sie hat so gut wie vor nichts Angst.

Diese Menschen stehen im Mittelpunkt des Romans, der wie die vorherigen Bände in dem kleinen Dorf Scholmerbach spielt. Eines der wenigen Dörfer, die übrig blieben, nachdem so viele vorher „ausgegangen sind wie die Lichter in der Nacht.“ (S. 5). Doch „In Scholmerbach war alles, wie es immer war. Sieben Misthaufen stanken in der Siebenmistjesecke und in ganz Scholmerbach waren es einundzwanzig Misthaufen; die Jauche malte goldene Rinnen durch die Wege.“ (S. 110).

Wieder schildert Annegret Held lebendige, schräge Figuren, die nicht unbedingt liebenswert sind, aber die sich einprägen, die vor Lebenslust sprühen oder vor Hoffnungslosigkeit verwelken. In ihrem Roman herrscht das pralle Leben. Nicht nur von dem harten, entbehrungsreichen Dasein zu dieser Zeit an diesem Ort erzählt die Autorin, es geht auch um ein Art Generationenkonflikt, die Auseinandersetzungen zwischen Hannes und Wilhelm, die Widerspenstigkeit von Gertraud sind so etwas wie Versuche, die eingefahrenen Pfade zu verlassen, anders, vielleicht freier zu leben.

Die authentische Sprache, die Dialoge im Westerwälder Dialekt oder der Sprache der Räuber macht die Lektüre nicht leicht, es ist anstrengend zu lesen. Doch genau das schafft die Atmosphäre, die die Leserin so in die Geschichte hineinzieht.

Eine packende Ballade mit viel Zeit- und Lokalkolorit.

Annegret Held: Eine Räuberballade.
Eichborn, September 2020.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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