Anne Stern: Meine Freundin Lotte

Die Autorin und promovierte Germanistin Anne Stern hat sich bisher schon in einigen Romanen dem Berliner Leben in der Zeit von 1920 bis 1930 gewidmet. Es war eine Epoche, die mit den Goldenen Zwanziger umschrieben wird. Sie begannen mit Hunger und tiefer Not und endeten mit der Wirtschaftskrise, in der die Nationalsozialisten einflussreich wurden. Insbesondere das Leben der Frauen zeigte weitreichende Veränderungen: Korsett und lange Röcke wichen einer legeren Kleidung und Kurzhaarfrisuren, die endlich Bewegungsfreiheit erlaubten. Der erfolgreiche Kampf um das Frauenwahlrecht (1918) führte zu mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Studentinnen und Künstlerinnen drangen in eine starre Männerdomäne. Vor diesem gesellschaftlichen, politischen Hintergrund konzentriert sich die Autorin auf die damals lebende Künstlerin Lotte Laserstein. Ihr Aufbruch in die Unabhängigkeit und erste Erfolge geben ein Beispiel für den Begriff der verlorenen Generation. Und wie alle Juden befindet sich auch Lotte in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in großer Gefahr, die sie lange ignorierte.

Im Zentrum von Anne Sterns Roman stehen Lotte und ihr Modell Traute, ihre gemeinsame künstlerische Arbeit und die damit einhergehende Freundschaft. Zwanzig Jahre nach dem Krieg stehen die Frauen vor einem möglichen Bruch ihrer besonderen Freundschaft, die sich durch Schweigen und Ausweichen ankündigt. Ihre Fragen umschreiben ihre lang verdrängten Konflikte: „Wie ist es heute? Wer sind wir, Lotte und ich? Alles, was zwischen uns steht, spitzt sich zu […] Alle Schwierigkeiten hängen […] an der  Frage, wer wir sind.“ (S. 335)

Denn ihr beider Leben wird von Verlust, nicht erfüllter Liebe und schließlich auch Schuldgefühlen geprägt. Beide wissen, dass sie einen neuen Weg zueinander finden müssen.

Empathisch und glaubwürdig beschreibt Anne Stern, wie belastbar und zugleich fragil die Freundschaft zweier Frauen sein kann. Dieses universelle Thema mit lebendig dargestellter Geschichte zeigt, dass auch nach hundert Jahren Hass schürende Propaganda gegen Juden und eigenständige Frauen geblieben ist. Die Kunst, dies in einem unterhaltsamen Roman offenzulegen, ohne anzuklagen oder zu missionieren, macht aus einer kurzweiligen Lektüre eine gehaltvolle. Danke.

Anne Stern: Meine Freundin Lotte.
Kindler, August 2021.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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