Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder

… ‚Mich gruselt es‘, sagte Hulda und ließ ihren Blick über die verwaisten Bürgersteige … gleiten, ‚zu sehen, wie wir hier in Berlin vor die Hunde gehen … Dieser Ausnahmezustand muss ein Ende haben!‘“ (S. 279)

Das Geld hat im Oktober 1923 kaum einen Wert. Jeder Bürger ist mehrfacher Millionär und kann sich doch kein einziges Hühnerei leisten, sofern man es überhaupt kaufen kann.

Die Hebamme Hulda Gold hat sich im Berlin der zwanziger Jahre einen Namen gemacht. Viele Frauen wissen, dass sie bei der engagierten jungen Frau in guten Händen sind. Über die Vermittlung ihres Vaters lernt sie eine jüdische Familie im berüchtigten Scheunenviertel kennen. Zwiste, Religion und die tiefe Armut bieten der neu hinzugezogenen Familie einen Nährboden für noch mehr Leid. Zwei Tage nach der Entbindung eines gesunden Jungen ist dieser spurlos verschwunden und die Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt. Was Hulda am meisten irritiert, ist die Erleichterung der Schwiegermutter. Und es sieht so aus, als wäre Hulda die Einzige, die das Neugeborene finden will. Ohne den mit ihr befreundeten Kommissar beginnt sie mit der Recherche, während Karl förmlich in unzähligen Delikten ertrinkt. Inzwischen hat er einige Kollegen, die nur schützend eingreifen, wenn die Religion des Opfers mit ihrer Weltanschauung im Einklang steht.

Die Berliner Autorin Anne Stern promovierte unter anderem in Geschichte und Literaturwissenschaft. Scheunenkinder ist der zweite Band einer vielversprechenden Serie mit Hulda Gold, die als selbstbewusste, eigenständig denkende Frau ihren Weg geht. Ihre Sehnsucht nach Unabhängigkeit will in Verbindung mit einer Partnerschaft und Kindern einfach nicht zusammenpassen.

Als Schauplatz hat die Autorin ihre Heimat gewählt, die nach dem Ersten Weltkrieg am Boden lag. Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bettet sie geschickt in Hulda Golds Erlebnisse ein. Diese könnten auch heute passieren, wenn es um patriarchale Strukturen geht, die eine finanzielle Unabhängigkeit der Frau nicht erlaubt oder um politische Strömungen, in denen Nationalsozialisten eine brutale Hetzjagd auf Fremde organisieren. In ihrem Nachwort schreibt Anne Stern hierzu: „… Jüdisch zu sein wurde spätestens in diesen Jahren immer mehr eine rassische Kategorie, der man sich nicht entziehen konnte. Ich wollte, dass Hulda sich mit den Bewohnern des Scheunenviertels und ein Stück weit mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen muss …“ (S. 323)

Wer ein Buch von Anne Stern liest, bekommt viel: Gute Unterhaltung, eine stimmige Geschichte mit historischem Hintergrund, Spannung und etwas für das Herz.

Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder.
Rowohlt, Oktober 2020.
448 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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