Anne Stern: Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt

Hulda Gold hat mit Ende zwanzig ein Alter erreicht, in dem die meisten Frauen in einer Ehe mit Kindern angekommen sind. Im Juli 1924 genießt die Berlinerin nicht nur den Sommer. Endlich verfügt sie dank ihrer neuen Stelle über ein regelmäßiges Einkommen. Doch dieser monetäre Vorteil wiegt die Nachteile kaum auf. Abgesehen von dem höheren Arbeitspensum in der Frauenklinik darf die routinierte Hebamme nur zusehen, wie Ärzte und Praktikanten die Geburt begleiten. Auch wenn ihr die Entscheidungen der Oberärzte nicht immer gefallen, weil sie zu Lasten von Mutter und Kind gehen, muss sie ihre Weisungen akzeptieren.

Ihr niedriger Rang in der Krankenhaushierarchie passt so gar nicht zu Huldas eigenständigem Denken und Handeln. Viel zu schnell begreift sie, dass sie ihre Freiheiten als selbständige Hebamme für ein besseres Gehalt verkauft hat.

Anne Stern hat mit ihrem dritten Roman über Fräulein Gold wieder eine spannende und informative Unterhaltung gezaubert. Ihrem Thema Frauenrechte ist sie treu geblieben. An vielen Beispielen zeigt sie, wie verheiratete Frauen ihre Entscheidungsfreiheit abgegeben haben, während alleinstehende Frauen um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen.

„‚Ich hätte wirklich mehr von dir erwartet.‘ Hulda sah die Freundin empört an. ‚Als ich dich kennenlernte, warst du eine alleinstehende Witwe, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die keinen Mann brauchte. Und ich brauche auch keinen … ist denn eine Frau sogar heutzutage nur etwas wert, wenn sie einen Ring am Finger trägt?‘“ (S. 241)

Der Autorin gelingt es immer wieder, neue geschichtliche Aspekte zur Frauenheilkunde und der Arbeit einer Hebamme in Huldas Alltag einzubetten. Die Arbeitssituation ihrer Zunft – damals wie heute – schreien nach Verbesserungen, damit Gebärende und Neugeborene keinen Schaden nehmen.

Das Privat- und Liebesleben findet in der täglichen Routine nur wenig Raum. Die Liebe kommt, verweilt ein bisschen und geht zeitweise auf Abstand. Denn im dritten Band gilt Huldas Sorge in erster Linie den Frauen, von denen ein paar unnötig in Lebensgefahr geraten oder sterben. Und am Ende der letzten Zeile hat der Verlag freundlicherweise Einblick in den vierten Band gewährt und weckt damit den Wunsch, noch mehr von dieser wunderbaren, modernen, aufbegehrenden und kämpferischen Hebamme zu lesen. Auch Quereinsteigerinnen dürften auf ihre Kosten kommen.

Anne Stern: Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt.
Rowohlt, April 2021.
480 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.