Anne Enright: Die Schauspielerin

Der Roman Die Schauspielerin ist Anne Enrights siebter Roman, der von Eva Bonné übersetzt wurde. Erneut geht es um die Familie, das manchmal schwierige Miteinander.

Eine alleinerziehende, geschiedene Mutter in den 1950er Jahren war noch eine Besonderheit. Erst recht in Dublin. Für die vaterlos heranwachsende Norah war Katherine O’Dell jedoch viel mehr als nur eine arbeitende Mutter.

„… Unten an der Tür drehte sie sich endlich zum Spiegel um und setzte sich zusammen, und das zu sehen war wunderbar; wie sie Blickkontakt zu ihrem Spiegelbild aufnahm und sich durch eine unmerkliche Veränderung in ihr öffentliches Ich verwandelte. … Und dann ging sie zur Tür hinaus und war den ganzen Tag berühmt.“ (S. 203)

Eine Aneinanderreihung von glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen prägen das besondere Mutter-Tochter-Verhältnis. Für die Erzählerin, die im Schatten eines Stars aufwächst, spielt es im Laufe der Jahre eine immer größere Rolle, ihre eigene Identität zu finden.

Früher pflegten Tochter und Mutter das Ritual: „,… Du warst wunderbar‘, sagte ich, und sie fragte: ‚Wirklich? War es in Ordnung?‘“ (S. 287)

Dieser Austausch macht aus der Tochter eine Vertraute und Wegbegleiterin, aber auch eine Zeugin, wenn der Star der Familie kometenhaft auf seinem Sinkflug verglüht. Katherine O’Dell geht diesen Weg unbeabsichtigt. Und als sie nicht mehr die junge, schöne Frau spielen kann, bleiben ihr die Berühmtheit, kleine Rollen und die geheimen, ganz privaten Erlebnisse.

Wenn Kinder selbst erwachsen, vielleicht sogar Eltern sind, dann begegnen sie mitunter ihren eigenen, inzwischen betagten Eltern mit einem neuen Verständnis. Fragen wie: Weißt du noch? Warum hast du …? Wusstest du, wie sehr ich …? … bekommen eine zweite Chance. Im besten Fall schließen sie Frieden mit Missverständnissen und Verletzungen. Und am Ende, vor oder nach dem endgültigen Abschied, hat die Liebe wieder ihren Platz wie früher die bedingungslose Liebe und das Vertrauen darauf.

In weiten Bögen erzählt die in Dublin geborene Anne Enright von der Annäherung einer Tochter zu ihrer Mutter, mal humorvoll, mal ergreifend, traurig oder mit überraschenden Wendungen. Ab und zu spricht die Erzählerin Norah zu einem Du, das fortschreitend Raum einnimmt und sich als ihr Ehemann herauskristallisiert. Ähnlich wie früher bei der Mutter durchlebt ihre Zweisamkeit Pausen, in denen eigene Wege im Vordergrund stehen. Ihre Erfahrungen mit der Mutter überträgt sie auf ihn.

„… Ich war die Konstante. Meine Aufgabe war es, dich im Arm zu halten, egal, wer du an dem Tag gerade warst, …“ (S. 277)

Wundervoll erzählt und mit so viel Wahrheit und Lebensweisheit offenbart die Autorin auch schreckliche Erlebnisse. Gleichzeitig nimmt sie mit ihrer begnadeten Erzählkunst den Leser in den Arm, trägt ihn weiter zu immer neuen Ereignissen, weil bekanntlich das Leben sowieso weitergeht. Es kann gar nicht anders. Es ist seine Natur. In dieser empathischen Geschichte eine Weile mitreisen zu dürfen, erlaubt die Erkenntnis, eine neue Lieblingsautorin gefunden zu haben.

Anne Enright: Die Schauspielerin.
Penguin, März 2020.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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