Annalena McAfee: Blütenschatten

Im Zentrum der Künstlerin Eve steht ein mehrteiliges Werk über Giftpflanzen. Gut dosiert retten sie Leben. Eve komponiert die Schönheit der Blüten und zeigt ihre tödliche Verführung.

In ihrem Tagesablauf hat Eve jedoch die ausgewogene Dosierung aus den Augen verloren. Luka, ein neuer Mitarbeiter, sorgt unter ihren Assistenten für Aufruhr. Er weckt bei seinen Kollegen Neid und Misstrauen und bei Eve starke Gefühle, von denen sie dachte, sie wären Vergangenheit.

Während Eve von ihrem alten Leben Abschied nimmt und durch das nächtliche London streift, zieht sie eine Bilanz über ihren Weg als Künstlerin. Und je näher sie ihrem Atelier kommt, um so deutlicher wird die Befürchtung, einem Irrtum aufgesessen zu sein. Für Eve geht es jetzt um alles, ihre Familie und Karriere.

Blütenschatten ist Annalena McAfees dritter Roman, den pociao und Roberto de Hollanda aus dem Englischen übersetzt haben. Die Londoner Autorin war bei der Financial Times Feuilletonredakteurin und gründete beim Guardian die Kunst- und Literaturbeilage. Vor diesem Hintergrund weiß sie genau, wie Ausstellungen und Werbung in der Kunstszene funktionieren.

Das Buhlen um Aufmerksamkeit ist nicht unbedingt Eves Stärke. Sie glaubt, dass langfristig die Qualität ihrer Arbeit von den Kritikern entsprechend gewürdigt wird. Doch seit einiger Zeit hat ihre Erzrivalin den Erfolg für sich gepachtet. Indem sie geschickt Gönner um sich geschart hat, beeinflusst sie die Presse und ihre Kritiker. Mit provokanten Inszenierungen konnte sie eine millionenschwere Firma aufbauen. Eve behauptet sich dagegen mit ihrem ganz eigenen Weg in der Malerei. Und wäre nicht ihr vermögender Ehemann, müsste sie unter kargen Bedingungen mit einem Mangel an Malutensilien arbeiten. Eve, eine Künstlerin auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, braucht – wie jeder andere Künstler auch – ständig Geldgeber und Ausstellungen. Zurzeit organisiert ihr langjähriger Agent für ihre hochwertige Kunst die Bühne, die sie schon lange verdient hätte. Wäre da nicht die Angst vor weiteren Ignoranten, die ihre Selbstzweifel nähren. Besonders deutlich hebt sich das Verhalten eines Kunstsammlers ab, der bei einem Geschäftsdinner unter den Superreichen in Eves Nähe sitzt, während ihr Mann am anderen Ende der Tafel über einen neuen Auftrag verhandelt.

„… Er könne, versuchte sie zu signalisieren, ihr morgen mailen oder sie anrufen […] Aber Otto winkte ab. Er wies ihre Visitenkarte zurück und wedelte erneut mit dem Zeigefinger. Zeigte auf den Wein. Sie reichte ihm die Flasche.“ (S. 215)

Im Wein liegt die Wahrheit. Aber nicht nur dort. In der ausgefeilten, pointierten Sprache der Autorin findet sich eine Fülle von Lebensweisheiten. Tiefes Glück und bittere Neige gehen in einer berührenden und spannend zu lesenden Geschichte Hand in Hand. Wie ein lang gereifter Wein entwickelt der Roman ein gehaltvolles Bouquet, aus dem Leser:Innen mit Lebenserfahrung den höchsten Lese- und Unterhaltungsgenuss ziehen werden.

Annelena McAfee: Blütenschatten.
Aus dem Englischen übersetzt von pociao & Roberto de Hollanda.
Diogenes, April 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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