Anna Herzig: Die dritte Hälfte eines Lebens

#Mit groben Pinselstrichen entwirft Anna Herzig ihre Geschichte von Krimmwing, einem Dorf irgendwo am Land, und seinen Bewohnern. Man lernt allerdings nur einzelne Figuren kennen. „Das Dorf“ bleibt als kaltherziger, ewig gestriger, erratischer Block ohne Gesichter. Vor diese Leinwand tritt z.B. Rosa Steinlachner. Sie wird sechzehnjährig vom dunkelhäutigen Jackson schwanger. Ihre Eltern stellen sich vehement gegen den Kindsvater und der räumt auch flugs das Feld, was Rosa das Herz bricht. Frustriert schleppt sie sich durch den Rest ihres Lebens. Das unerwünschte Kind Seppi wird ob seiner dunklen Hautfarbe im Dorf ausgegrenzt und natürlich von der Mutter nicht geliebt. Die katholische Schule ist ein Albtraum, eh klar, seinen einzigen Freund Frido darf Seppi nicht mehr sehen, es sei denn seine Mutter entschuldigt sich öffentlich bei der Dorfgemeinschaft. Ob sie das tut, erfährt man nicht dezidiert. Schließlich verlässt Seppi Krimmwing, um seinen Vater zu suchen. Weitere Dorfbewohner sind z.B. Lorenz Karl Ignatius Rathbauer. Er fühlt sich zum einen im falschen Körper und zum anderen im Dorf gefangen.Er schminkt sich heimlich und zieht hinter verschlossenen Türen Frauenkleider an. Liesl, die Frau des inzwischen erwachsenen Frido, hat drei Brüste, Übergewicht und tanzt angeblich im einzigen Striplokal des Dorfes, wofür sie die Missgunst der übrigen Dorfbewohnerinnen erntet. Peter Dohringer, In Krimmwing aufgewachsen und aus der Fremde zurückgekehrt, versucht das alte Dorfwirtshaus wieder zu beleben. „Das Dorf“ begegnet ihm mit eisigem Schweigen. Siehe da, er ist niemand Geringerer als Seppi! Der hat in Südafrika inzwischen seinen Vater und dessen neue Familie getroffen. Er trägt jetzt den Mädchennamen seiner Oma und den Vornamen, den sein Vater ihm eigentlich geben wollte.

Schließlich gibt es einen Toten in einer Tiefkühltruhe, eine Leichen- und Kirchenschändung, heimliche homosexuelle Handlungen, einen Brand, eine unerfüllte Liebe, viele Lügen, sexuelle Nötigung und einen misslungenen Selbstmord. Frau Herzig lässt kaum ein Klischee unbedient. Ja, furchtbar geht es zu am Land.

Oft wird die Handlung nur von Dialogen getragen, wodurch der Leser sich stirnrunzelnd fragt: „Was jetzt…?“ Sehr viel wird kryptisch angedeutet. Erst ganz am Schluss bekommt man spärliche Informationen, die man viel früher zum Verständnis der Ereignisse gebraucht hätte. Die Figuren bleiben Großteils flach. Und ganz abgesehen davon hat man inzwischen von bösartigen Dorfgemeinschaften, die Vergangenes totschweigen und Fremdes ausmerzen, langsam genug gelesen.

Zu diesem Buch habe ich keinen Zugang gefunden.

Anne Herzig: Die dritte Hälfte eines Lebens.
Otto Müller Verlag, Februar 2022.
140 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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