Anna Burns: Milchmann

Lesen im Gehen kann tödlich sein. Zumindest für ein 18-jähriges Mädchen, das Ende der 1970er Jahre in Nordirland aufwächst.  Neben besagter Marotte eckt die Protagonistin aus anderen Gründen an: Sie beteiligt sich weder an Tratsch, Klatsch oder politischen Diskussionen, joggt alleine durch den Park und führt, anstatt anständig zu heiraten, eine lockere Beziehung zu „Vielleicht-Freund“.

In ihrem eigenen Kosmos, ihr selbstbestimmtes Dasein lebend, kommt sie gut zurecht, bis plötzlich „Der Milchmann“ auf sie aufmerksam wird. Der mächtige Paramilitär, verheiratet und 23 Jahre älter, beginnt sie zu stalken. Zuerst subtil, dann offensichtlicher. Plötzlich gerät die Protagonistin zwischen alle Fronten, die Gerüchteküche stempelt sie bereits als Rebellenflittchen ab. Immer mehr gerät sie unter die Repressionen eines gesellschaftlichen Systems, das seinerseits staatlich unterdrückt wird.

Dieser psychologisch ausgefeilte, auf mehreren Handlungsebenen perfekt ineinandergreifende Roman wurde mit zahlreichen Preisen überhäuft, zum Beispiel dem Man Booker Prize 2018, dem National Book Critics Circle Award 2018 und dem Orwell Price for Political Fiction 2019.

Die in Belfast geborene Autorin zeichnet das Bild einer jungen Frau, die unvermittelt in eine Bedrohung hineingezogen wird, derer sie sich nicht entziehen kann. Denn eine alarmbereite Gesellschaft, in der Autobomben, Busentführungen, staatlich verordnete Sanktionen und die gewaltsamen Aktionen der Staatsverweigerer den Alltag bestimmen, hat ihren eigenen Radar. Völlig eingenommen von politischen und geografischen Grenzüberschreitungen, wird zwischenmenschlichen Grenzüberschreitungen weniger Beachtung geschenkt. „Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert. Wie also konnte man Opfer von etwas sein, das es gar nicht gab?“ fragt sich die Protagonistin. Der Milchmann taucht unvermittelt auf, scheint jeden ihrer Schritte zu kennen, aber er fasst sie nicht an, spielt sich sogar als Beschützer auf. Seine Bedrohungen sind subtil, sie richten sich gegen „Vielleicht Freund“, seinen Kontrahenten. Bald wird klar, dass Milchmann Ansprüche auf die junge Frau erhebt und eine Ablehnung nicht duldet. Hierbei schafft Burns Situationen, die einem Gänsehaut bereiten. Gleichzeitig gelingt ihr das Kunststück, auch witzige Szenen hervorzubringen, hauptsächlich in dem sie viele „schräge Vögel“ durch den Mikrokosmos der Gemeinschaft lustwandeln lässt. Galgenhumor lässt grüßen! Allein die teils kuriosen Spitznamen sind köstlich.

„Die, die im Gehen liest“, so der Spitzname der Ich-Erzählerin, will sich ihrem Umfeld entziehen. Das Buch dient als Schutzmauer, die Vorgänge um sich herum auszublenden. Darum liest sie nur Bücher aus dem 19. Jahrhundert. Die Jetzt-Zeit ist definitiv zu frustrierend. Das Buch als Metapher für intellektuelle und tatsächliche Abgrenzung ist nur eine von vielen beeindruckenden Bildwelten, welche die Autorin entwirft. Denn in der streng katholischen Familie des Mädchens läuft alles nach Plan oder vielmehr dem Plan der Gesellschaft. Glücklich wird dabei allerdings kaum jemand.  Der Vater tot, die Mutter einer unerfüllten Liebe nachtrauernd. Eine Schwester musste flüchten, weil sie einen Mann mit der falschen Religion geheiratet hat, ein Bruder ist in den politischen Konflikten umgekommen, die älteste Schwester vegetiert in einer zweitklassigen Vernunftehe mit einem sexistischen Macho dahin. Die Ich-Erzählerin will sich diesem Leben verweigern – mit 16 heiraten, 10 Kinder bekommen, während die Nachbarn sich in alles einmischen, Privatsphäre Fehlanzeige ist und Männer über Frauen herrschen. Allerdings wird ihre rebellische Haltung durch die Milchmann-Affäre zusehends zermürbt. Wie soll sie sich angesichts dieses Mannes verhalten? Angreifen, sich wegducken oder dem Unvermeidlichen ergeben?

Ringsum stehen die Zeichen auf jedoch auf Wandel. Da gibt es „Themen-Frauen“, aka Feministinnen, die mit ihren Themen der konservativen Gesellschaft den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Da gibt es die Rotlichtstraße, in der unverheiratete, gleichgeschlechtliche und gemischtreligiöse Paare ohne Trauschein zusammenleben! Da gibt es Menschen wie ihre Französischlehrerin, die ihre Schützlinge zum Nachdenken und Verändern ermuntern will. So verpackt Burns neben der Politik viele gesellschaftsrelevante Themen in ihre Prosa, die unabhängig von Irland nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Anna Burns bricht mit bequemen Lesegewohnheiten und fordert ihren Lesern dabei einiges ab. Man muss sich auf ihren Stil einlassen können. Zum Beispiel trägt niemand im Buch einen wirklichen Namen. Handelnde Personen werden als „älteste Freundin“, „Schwester zwei“ oder „das Tablettenmädchen“ bezeichnet.  So präzise Burns im Sezieren psychologischer Auswirkungen ist, so sehr hält sie sich mit Fakten bedeckt. Das klassische W-Fragen-Spiel macht sie nicht mit. Im gesamten Roman wird weder der Ort, noch der Terminus der Handlung näher bestimmt. Die verschiedenen Religionen, die „Feinde von der anderen Seite der See“, nichts wird konkret benannt, sondern steht verborgen zwischen den Zeilen. Die Rahmendaten des Settings kann sich der Leser aufgrund der im Roman vorkommenden Musiker, Kinofilme oder sonstiger Hinweise zusammenpuzzeln. Ein paar Grundkenntnisse über den Nordirlandkonflikt können vor Beginn der Lektüre durchaus hilfreich sein.

Stilistisch gesehen gelingt Anna Burns ein bemerkenswerter Spagat. Sie schreibt das Geschehene aus Sicht des 18-jährigen Mädchens, kommentiert die Handlung aber auch aus Sicht der erwachsenen, gereiften, allwissenden Erzählerin. Dabei springt sie immer wieder in den Zeit- und Handlungsebenen vor und zurück. Den Sog der Abwärtsspirale, das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, beschreibt die Autorin sehr spannend. Ob Sonnenuntergänge, abgetrennte Katzenköpfe oder niedergetrampelte Hecken, meisterlich versteht Burns doppeldeutige Metaphern in ihre Prosa einzuweben.

Fazit: Milchmann ist ein Roman, der seine Leser fordert. Wer sich darauf einlässt, wird dem Sog des Geschriebenen schon bald erliegen und mit herrlichen Formulierungen und Bildwelten belohnt. Ein faszinierender Roman, der Anna Burns den renommierten Man Booker Prize eingebracht hat – als erster Autorin Nordirlands.

Anna Burns: Milchmann.
Tropen, Februar 2020.
452 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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