Anna Burns: Amelia

Das Cover trifft bereits den Nagel auf den Kopf. Der Weg zum Erwachsenwerden ist bei Amelia Lovett, im katholischen Stadtteil Ardoyne von Belfast geboren, von etlichen Schrammen begleitet. Mitten in den Unruhen Nordirlands zwischen Katholiken und Protestanten in der 70er und 80er Jahren aufgewachsen, bleibt ihr eine gewöhnliche Kindheit versagt. Die für ihr Buch „Milchmann“ ausgezeichnete Man-Booker-Prize Trägerin zeichnet Amelias Lebensweg von 1969 bis zum Waffenstillstand 1994 nach. Dabei schafft Sie Szenen zwischen Horror und schrillem Wahnsinn, zwischen Gewalt und Humor, zwischen verschiedenen Erzählebenen. Das Buch ist eine Tour-de-Force. Da bleibt beim Lesen die Luft weg, das Lachen im Halse stecken und der eine oder andere Schreckmoment in den Gliedern stecken. Beängstigend gut!

Amelia ist acht Jahre alt, als die Probleme zwischen Katholiken und Protestanten in Belfast eskalieren. In einer katholischen Familie aus eher ärmlichen Verhältnissen wächst sie zwischen ihrem gewalttätig veranlagten Bruder und ihren beiden Schwestern auf. Auch ihre hitzigen Eltern wenden in ihrer eigenen Logik Gewalt an, um keine Gewalt erfahren zu müssen. Kaum jemand, der sich nicht einer IRA-ähnlichen Widerstandsgruppe angeschlossen hat. Der perfekt austarierte Plot der Autorin lässt die Konflikte gegen die Besatzer im Hintergrund schwelen und zeigt dabei andere Ebenen der Verrohung auf, die schon längst alle Gesellschaftsschichten durchziehen. Drakonische Bestrafungsmaßnahmen im Unterricht, sexualisierte Gewalt, Schutzgelderpressung, Dominanz, strenge Hierarchien, Bandenkriege. Da gibt es Kinder, die ihre Puppen foltern. Neuntklässler, denen im Unterricht Fingerabdrücke abgenommen werden. Ältere Brüder, die ihre Macht missbrauchen, um sich wie selbstverständlich an Hab und Gut und Körpern anderer zu bedienen. Anna Burns schafft Szenen, die den Wahnsinn des Systems verdeutlichen. So soll die Klasse der neunjährige Amelia ein Gedicht über den Frieden schreiben. Als die Kinder dies nicht hinbekommen (kreative Interpretationen sind unerwünscht), werden sie von den Lehrerinnen geschlagen und gedemütigt.

„Zeit ist um“, kreischte sie. „Gib her das Friedensgedicht! Guck dir nur an, wie du aussiehst. Was bist du schmuddelig! Was ist das bloß für ein Haushalt aus dem du kommst?“ Sie ging weiter zur Nächsten. „Gib her!“ Sie riss dem Kind das Gedicht aus der Hand“… (…) Die anderen Kinder, die nun auch kein Schreibpapier mehr hatten, schluchzten und schnieften und malten ebenfalls Gewalt auf ihre Tische. (S. 49/50)

Die Verrohung ist bereits so weit fortgeschritten, dass Gewalt einen Unterhaltungswert erhält. Gelangweilte Jugendliche beschließen am Freitagabend eine Partie Russisch Roulette zu spielen, mit dem Gedanken, dadurch zu Trendsettern zu werden, über die man Filme dreht.

„Die Traumtänzer schmiedeten Plänen, bauten Luftschlösser, änderten immer wieder Details, bis Rab McCormick, der Sechzehnjährige der Aufmerksamkeit ebenso verabscheute, wie er sich danach sehnte, die Kugel in die Kammer schob, den Zylinder drehte, den Abzug drückte und ihnen von der Holzbohle tot für die Füße fiel. Die Ordnungshüter hörten den Schuss, aber natürlich kümmerte sie das nicht. Sie waren damit beschäftigt, sich so nah an den Rand der Besinnungslosigkeit zu saufen, wie es nur ging, ohne umzukippen und wirklich die Besinnung zu verlieren.“ (S.118)

Am Erstaunlichsten dabei ist, dass die Autorin es schafft, trotz der ernsten Thematik bisweilen viel Humor unterzubringen. Zum Beispiel lässt sie einen Tagesauflug eskalieren, emotional wie organisatorisch. Sie wahrt wie alle Figuren eine gewisse lakonische Distanz zum Geschehen. Nur so ist es möglich, den Alltag zu bestreiten, bei dem jeder Gang über die Straße tödlich enden kann. Sei es durch explodierende Bomben, Gefechte, marodierende Banden. Jeder der Protagonisten hat seine Wege gefunden, um mit sich mit der Dauerbedrohung zu arrangieren. Bei den einen ist es Alkohol, Magersucht, Drogen, bei den anderen Schizophrenie oder Wahnsinn aller Art. Im Fall der Autorin sind es gut beobachtete, humoristische Spitzen, bei denen gleichwohl des Öfteren das Lachen im Halse stecken bleibt.

Dabei wechselt die Autorin immer wieder die Erzählebene, ein paar der Kapitel werden auch aus Sicht der jugendlichen und erwachsenen Amelia geschrieben. Geradezu virtuos schildet die Autorin eine Sequenz in einer psychiatrischen Klinik nach einem Nervenzusammenbruch. Tote Schulkameraden wabern durch unwirkliche Szenerien, Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, einst Verdrängtes will mit aller Kraft nach oben.

Fazit: Beängstigend gut! Beklemmend, dramatisch, mitreißend, stilistisch überragend und dabei – der ernsten Thematik zum Trotz – mit humoristischen Spitzen versehen. Der Wahnsinn von Gewalt, Krieg und Terror wird aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens erzählt. Ein Buch, dass einem beim Lesen unter die Haut kriecht und dort auch nach Beendigung der Lektüre noch lange verweilt.

Anna Burns: Amelia.
Aus dem Englischen übersetzt von Anna-Nina Kroll.
Tropen, Mai 2022.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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