Anke Glasmacher: Obstkistenpunk

Da steht eine „sie“ vor der Tür und will nicht eintreten in die Welt dahinter, die auf sie (und vielleicht auch auf die Leserinnen und Leser) fremd und furchteinflößend wirkt. Eine (andere?) „sie“ liegt am Bordstein. Vermutlich vergessen.

Ein „er“ dreht am Flughafen auf dem Band seine Runden, überlegt, ob er einen mitkreisenden Rucksack ansprechen soll, schwingt sich dann doch herunter, verlässt die Halle und fährt mit dem Taxi nach Hause. Oder ist es nicht nur einer? Ist der „er“ vom Anfang der Geschichte ein anderer als der „er“ am Ende?

Um eine „sie“ wächst im Stadtpark ein steinernes Iglu, trennt sie von ihrer Umwelt und wirft sie auf sich selbst zurück. Im „Viertel“ tauchen mysteriöse herrenlose Päckchen auf und im Grab liegen zwei. Doch welche zwei?

Aus diesem Stoff sind die Geschichten von Anke Glasmacher, die mich herausgefordert, aber auch beeindruckt haben. Menschen (oder auch ein Koffer) tummeln sich darin, die wenig von sich preisgeben, nur selten ihre Namen oder Funktionen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wer „er“ und „sie“ sind, wie ich sie festhalten und identifizieren kann, um ihnen näher zu kommen. Doch die Geschichten und die Figuren entziehen sich einer einfachen Annäherung. Sie verwirren bewusst, sind Momentaufnahmen aus einer absurden, beängstigenden und komplexen, aber faszinierenden Welt, die stellenweise lose – manchmal nur durch einzelne Worte – verknüpft scheinen.

Dieses Buch kann man nicht einfach „herunterlesen“. Es fordert Zeit, Geduld und Sich-Einlassen, es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Und gerade das gefällt mir außergewöhnlich gut.

Der ganz eigene Stil ist schwer zu beschreiben, deshalb hier ein Beispiel aus der Titelgeschichte „Obstkistenpunk“:

„das ist berlin, strahlte k. ostberlin, dachte sie. aus einem gänzlich rußgeschwärzten gesicht, und strahlte zurück. wie sie immer zurückstrahlte, wenn sie wusste, dass etwas nichts mit ihr zu tun hatte. sie gehörte nicht dazu. vielmehr dachte sie darüber nach, warum an der straßenecke vorhin kühe auf der häuserwand geweidet hatten?“

„Wir schauen auf Anke Glasmachers poetische Geschichten wie auf ein Bild, das schief hängt. Wir versuchen, es wieder gerade zu rücken. Ohne zu bemerken, dass bei unseren Versuchen, Ordnung zu schaffen, jedesmal jemand aus dem Bild herausfällt“, steht sehr treffend im Klappentext.

Manchmal sachlich beobachtend, manchmal wie im (Drogen-)Rausch, immer poetisch und verdichtet, erzählen die kurzen Geschichten von einem (modernen) Leben, das einsam, verstörend und erschreckend sein kann. Sie haben mich gefangen genommen und auch nach mehrmaligem Lesen noch nicht wieder losgelassen. Wer ein besonderes Leseerlebnis zwischen Lyrik und Kurzgeschichte sucht, ist mit diesem Buch sehr gut bedient.

Anke Glasmacher: Obstkistenpunk.
elifverlag, Februar 2018.
64 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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