Anja Goerz: Jakobs Schweigen

Ein bekannter Bremer Anwalt wird in seiner Kanzlei erschossen. Mit vier Schüssen niedergestreckt. Eine Zeugin hat einen Jugendlichen vom Tatort weglaufen sehen. So gerät Jakob, der Sohn des Toten, unter Mordverdacht. Es gibt wenige, die nicht daran glauben, dass er der Täter ist. Sogar sein Dad, David, scheint zu zweifeln. Einzig seine Großmutter Dora ist überzeugt, dass Jakob kein Mörder sein kann. Sie beginnt, da die Kriminalpolizei offensichtlich keinem weiteren Verdacht nachgeht, selbst zu ermitteln, nachzuforschen, ob es andere mögliche Täter mit einem Motiv geben könnte. Hilfe bekommt sie von einem alten Freund, Wolfgang, der aus seiner früheren Tätigkeit als Anwalt noch viele nützliche Beziehungen hat.

Damit ist im Grunde schon die ganze Handlung des Romans beschrieben. Es gibt natürlich, zumindest in den Augen Doras, noch andere Verdächtige. Darunter auch David, der Ehemann ihres getöteten Sohnes. David wiederum scheint seit dem Mord regelrecht Angst vor Jakob zu haben. Kirsten, Doras Tochter, die mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat, versucht, ihrer Mutter bei ihren Nachforschunngen zu helfen und beschäftigt sich mit den Dokumenten ihres Bruders.

Grundsätzlich erstmal ein interessanter Augangspunkt für einen Krimi. Selten genug, dass diese Konstellation – zwei Väter ziehen gemeinsam ihr Kind auf – in einem Kriminalroman vorkommt. Und auch der Ansatz, dass dieses Kind der Hauptverdächtige ist, ist geschickt und sollte für Spannung sorgen.

Nur leider fehlt die in dem Roman von Anja Goerz. Ich habe das Buch gerne gelesen, es ist flott geschrieben, es gibt keinerlei Längen und jede Szene ist gut herausgearbeitet. Doch der Roman wirkt auf mich wie nach dem Lehrbuch geschrieben, als wäre bewusst jedes Handwerkszeug eines Autors zum Einsatz gekommen. Es ist wenig Überraschendes, wenig Unerwartetes – mal abgesehen von der oben erwähnten Familienkonstellation. Ein Pageturner ist der Roman eher nicht.

Dabei, und das hat mich, ehrlich gesagt, am meisten gestört, sind die Figuren wie dem Handbuch der gängisten Klischees entnommen. Da gibt es den mit harter Hand regierenden, kürzlich verstorbenen Pater familias, der seine Frau Dora unterdrückt, die dadurch zum unselbstständigen Mäuschen wird. Da gibt es den wegen seiner Homosexualität verstoßenen Sohn, der dann, obwohl er es doch besser wissen sollte, seinen eigenen Sohn mit der gleichen, wenn nicht sogar härteren Strenge erzieht. Da gibt es die ignorierte Tochter, die Zuflucht im Alkohol sucht. Und es gibt den guten langjährigen Freund des Hauses, der stets seine Liebe zu Dora verbergen musste. Auch die Darstellung des David ist entspricht eher dem üblichen Klischee. Das waren mir dann am Ende einfach zu viele Abziehbilder. Einzig Jakob ist mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen beschrieben und die Szenen, die ihn in seiner Zelle während der Untersuchungshaft zeigen, sind der Autorin wirklich gut gelungen. Sie kann sich, so wirkt es auf mich, hervorragend in den Jugendlichen hineinversetzen und schildert seine Gefühle mit starker Empathie.

Daher ist meine Meinung zu dem immerhin auf der Spiegel Bestsellerliste stehenden Kriminalroman von Anja Goerz einigermaßen ambivalent.

Anja Goerz: Jakobs Schweigen.
dtv, Juli 2020.
304 Seiten, Taschenbuch, 15,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.