Anika Decker: Wir von der anderen Seite, gelesen von Katja Riemann

Als Rahel aufwacht, versteht sie die Welt nicht mehr. War sie nicht eben noch in die Notaufnahme gegangen, da ein Nierenstein ihr Probleme machte? Nun liegt sie verkabelt mit zahlreichen Schläuchen im Körper auf der Intensivstation und weiß nicht, wo oben und unten sind. Sie kann sich kaum bewegen, wird mit Medikamenten vollgepumpt und niemand verrät ihr etwas. Erst Tage später erfährt sie, dass sie wegen multiplem Organversagen im Koma lag. Nun muss sie mit ganz kleinen Schritten anfangen. Einen Löffel selbst zu halten, ist beispielsweise unmöglich, vom Bett aufstehen undenkbar. Kleine Schritte führen Rahel zurück ins Leben und die Komödienautorin versucht, alles mit etwas Humor zu nehmen.

Anika Decker ist selbst Drehbuchautorin und unter anderem durch Filme wie „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. „Wir von der anderen Seite“ ist ein teilweise biographischer Roman, denn die Autorin lag selbst in einem künstlichen Koma und musste sich zurück ins Leben kämpfen. Wegen einer Nierenbeckenentzündung mit Blutvergiftung wurde diese Maßnahme damals nötig. Rahel, ihre Romanfigur, durchlebt ein sehr ähnliches Schicksal.

Ich bin zugegeben kein sonderlicher Fan von Katja Riemann als Filmdarstellerin, ihren Job als Hörbuchsprecherin macht sie aber sehr gut. Sie schafft es mehrere Seiten von Rahel gut in Szene zu setzen. Da sind ihre wirren Fantasien von einem kuscheligen Eichhörnchen, immer wenn sie von den Ärzten mit Medikamenten zugedröhnt wurde. Ihnen entgegengesetzt sind die Momente, in denen sich Rahel den Ernst der Lage bewusst macht und über ihr Leben nachdenkt. Oft wird sie auch von einer Angst befallen, zum Beispiel verlassen zu werden. Sie sehnt sich nach ihrem Partner Olli, auch wenn der gerade erst zur Tür hinaus ist. Dabei ist in der Beziehung mit Olli nicht alles nur eitel Sonnenschein, das muss sie schnell lernen. Denn Rahel erinnert sich nicht mehr an die Tage kurz vor dem Koma, also auch nicht an die Trennung von Olli und ihren schlimmen Streit. Das nagt sehr an der jungen Frau.

Wie die Sprecherin des Hörbuchs wagt auch Anika Decker den Spagat zwischen diesen unterschiedlichen, aber allesamt menschlichen Gefühlswelten. Man hört mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu und ist von der Geschichte insgesamt sehr angetan. „Wir von der anderen Seite“ ist Anika Deckers erster Roman und es bleibt zu hoffen, dass er nicht ihr letzter sein wird. Die Geschichte ist berührend, hat einen Hauch Humor und ist von Katja Riemann sehr schön gelesen. Alle Daumen nach oben für dieses empfehlenswerte Hörbuch!

Anika Decker: Wir von der anderen Seite, gelesen von Katja Riemann.
Hörbuch Hamburg, Juli 2019.
2 mp3-CDs, Ungekürzte Fassung, 10 Stunden..

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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