Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Nicht immer halten Bücher mit solch außergewöhnlichen, einprägsamen Titeln, die einem im Buchladen ins Auge springen, was dieser verspricht, doch in diesem Fall ist der Roman genauso unterhaltsam wie sein Titel.

Angelika Jodl, die auch schon mit ihrem Debütroman „Die Grammatik der Rennpferde“ vor ein paar Jahren sehr erfolgreich war, spinnt hier eine vor allem von den Figuren getragene Geschichte, in der es vorrangig um die Liebe, im Grunde aber vor allem um die Suche nach Identität, nach Wurzeln und Herkunft geht.

Medizinstudentin Olga, momentan in ihrem Praktischen Jahr an einer Klinik in Bonn beschäftigt, hadert mit ihrer Familie. Diese stammt aus Georgien, obwohl sie sich als Griechen betrachten, derweil ihr Vater ein großer Verehrer Stalins ist. Es ist vor allem ihre Mutter, mit der Olga ständig in Streit gerät, denn diese predigt die alten Sitten, nach denen ein Mädchen früh verheiratet wird, und zwar mit einem von den Eltern gewählten Mann. Die unterschiedliche Behandlung von Söhnen und Töchtern zeigt sich immer wieder, wenn Olgas kleiner Bruder gehätschelt und verwöhnt wird, während sie mit Strenge und Vorwürfen erzogen wird.

Aufgrund dieser familiären Voraussetzungen verheimlicht Olga ihren Eltern die Beziehung zu dem Medizinerkollegen Felix so wie sie diesem ihre Familie und deren Herkunft verheimlicht. Verkompliziert wird alles schließlich durch ihre Begegnung mit dem Hallodri Jack, der sich auf den ersten Blick unsterblich in Olga verliebt und ihr nachspürt. So sehr sie sich auch dagegen wehrt, ganz kann sie sich seinem Charme aber nicht entziehen.

Als die ganze Familie dann nach Tiflis reist, um Verwandte zu besuchen und Jack dort plötzlich auftaucht ebenso wie schließlich auch noch Felix, ist das Chaos perfekt und Olga muss heftig mit all ihren Geheimnissen jonglieren. Doch bewirkt die Reise auch, dass sich ihr Blick auf die Herkunft und die Heimat ihrer Familie wandelt.

All das erzählt Angelika Jodl mit leichter, lockerer Feder, mit wunderbar subtilem Humor und mit einem gezielten Blick auf Marotten und Schwächen der Menschen, jedoch ohne diese zu verdammen oder zu verhöhnen. Selbst Olgas Mutter, die wirklich eine Nervensäge sein kann, gewinnt mit der Zeit die Sympathie der Leserin, weil es der Autorin gelingt, die Figuren so authentisch, so menschlich darzustellen. Und ganz nebenbei lernt man sehr viel über Georgien, die dortigen, ziemlich rauen Sitten, die Gastfreundschaft, die über alles geht und die engen Familienbande.

Was es mit der kaukasischen Kuh auf sich hat, erfährt man ebenfalls und nicht nur darum lohnt es, diesen Roman zu  lesen. Er hat einen ganz eigenen Charme und vor allem Olga wächst während der Lektüre regelrecht ans Herz. Die Autorin vermag es, den inneren Zwiespalt der Protagonistin, die sich ihrer Familie regelrecht schämt und sich wiederum für diese Scham schämt, in präzise, verständnisvolle und sensible Worte zu fassen.

Für Liebhaber von figurengetragenen Romanen mit Tiefgang und Humor bestens geeignete Lektüre.

Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh.
Eichborn, April 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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