Andrej Kurkow: Graue Bienen

Sergej Sergejitsch – fast 50 Jahre alt, Frührentner und Imker – lebt in Malaja Starogradowka, einem Dorf mitten in der grauen Zone, zwischen den Fronten der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Kämpfer. Nur noch zwei Bewohner harren dort aus: Sergej und Paschka, sein „Kindheitsfeind von der ersten Klasse der Dorfschule an“ (Zitat Seite 6), der immer mehr zu seinem „Feindfreund“ wird. Schließlich hat er sonst niemanden mehr, mit dem er sich unterhalten kann. Die anderen Einwohner haben die Flucht ergriffen, weil sie um Leib und Leben fürchteten und der Alltag ihnen zu beschwerlich wurde.

Denn schon lange gibt es keinen Strom mehr und keine Post, der Laden ist geschlossen und auch wenn das Geschützfeuer meist nur als Hintergrundgeräusch aus der Ferne zu vernehmen ist und im Normalfall keine Aufmerksamkeit mehr erregt, verirrt sich doch manchmal eine Granate ins Dorf. Eine davon hat die Kirche in Schutt und Asche gelegt und Sergejitsch dadurch zu einem ganzen Haufen Kirchenkerzen verholfen.

Abwechslung gibt es eher selten – mal ein toter Soldat auf dem Feld, mal eine Explosion, die Paschkas Fensterscheiben zerfetzt, mal eine Wanderung ins Nachbardorf oder der überraschende Besuch eines jungen ukrainischen Soldaten namens Petro. Doch auch bei unvorhergesehenen Ereignissen bleibt Sergej meistens ruhig und überlegt sich gut, was er tut und was er lässt. Nicht einmischen ist meistens seine Devise – und damit fährt er bisher gut.

Sergej hat sich arrangiert, auch damit, dass ihn seine Frau Witalina mit der Tochter Angelina – schon vor dem Beginn der Kämpfe – verlassen hat und in die Stadt gezogen ist. Er geht die Tage langsam an und lebt mit der Natur, denkt viel nach und kümmert sich vor allem um seine Bienen. Jetzt, im Winter, sind sie im Schuppen gut aufgehoben. Trotzdem hat Sergej regelmäßig ein Auge auf sie. Auch wegen ihnen wünscht er sich, dass der Krieg bald ein Ende hat. Schließlich müssen sie im Frühling fliegen. Dann würde er, „wenn der Krieg weiterging, das Dorf Paschka überlassen und seine Bienen, alle sechs Stöcke, dorthin bringen, wo kein Krieg war.“ (Zitat Seite 27)

Im März ist es dann soweit. Die Schießerei hat nicht aufgehört. Sergej packt seine Bienenstöcke auf den Anhänger und macht sich auf den Weg, einen Platz zu finden, an dem seine Bienen Nektar sammeln können, ohne erschreckt zu werden. Auf seiner Reise lernt er neue Menschen kennen, erfährt Hilfe, aber auch Misstrauen und Gewalt, unterstützt andere und knüpft Beziehungen. Doch er liebt auch das Alleinsein. „Sergejitsch war an Menschen nicht mehr gewöhnt. Drei Jahre mit Paschka in ihrem verlassenen Dorf hatten ihn gelehrt, dass es wenig, sehr wenig Menschen geben konnte und daran gar nichts Schlechtes war“ (Zitat Seite 247). An manchen Orten könnte er sich vorstellen zu bleiben, aber es zieht ihn auch zurück in die Heimat. Am Ende des Sommers muss er sich entscheiden.

Dem ukrainischen Autor Andrej Kurkow gelingt in seinem neuen Buch „Graue Bienen“, das Kunststück, einen politischen Roman mit einem völlig unpolitischen Protagonisten zu schreiben. Konsequent erzählt er aus der Sicht des „kleinen Mannes“ Sergej Sergejitsch, dessen Heimat unversehens zum Kriegsgebiet geworden ist und der sich nichts mehr wünscht, als mit seinen Bienen in Ruhe und Frieden zu leben.

Er schaut Sergejitsch ins Herz und in die Seele, lässt die Leserinnen und Leser seine Träume und Gedanken miterleben: den Stolz auf seine Bienen, seine Trauer um die zerbrochene Familie, seine Einsichten, die zwar manchmal naiv wirken, mir aber ein ums andere Mal zu denken gegeben haben.

Die Weisheit der Natur – das war es, was Sergejitsch begeisterte. Überall, wo sich für ihn die Weisheit der Natur zeigte, verglich er sie mit dem Leben der Menschen und kam zu dem Schluss, dass die Menschen einpacken konnten.“ (Zitat Seite 406)

Die Geschichte entwickelt sich gemächlich, in Sergejitschs Tempo. Zu Anfang herrscht fast eine Art Winterruhe, auf seiner Reise in den Frühling nimmt die Erzählung mehr Fahrt auf. Bei aller Tragik und Ungerechtigkeit der Ereignisse, die in der derzeitigen Situation in der Ukraine nicht ausgeblendet werden können und die auch Thema in diesem Buch sind, ist „Graue Bienen“ ein Roman, der für mich eine positive Energie, Lebensmut und augenzwinkernden Humor ausstrahlt. Sergejitsch lässt sich nicht unterkriegen, er ist pragmatisch und braucht nicht viel, um zufrieden zu sein. Seine Arbeit gibt seinem Leben Sinn und dass sie zufällig auch sein schönstes Hobby ist, macht die Sache umso besser. Man mag ihm ankreiden, dass er politisch scheinbar keine Stellung bezieht, aber seine Handlungen sagen etwas anderes. Auch wenn er sich in seiner kleinen Welt wohlfühlt, ist er offen für Neues und interessiert sich für die Menschen, die er trifft, gleich aus welcher Kultur sie kommen.

„Graue Bienen“ ist ein Roman, der unaufgeregt und berührend vom Leben eines einfachen Mannes erzählt, der mitten in einen Konflikt geraten ist, dessen Sinn er zwar nicht versteht, der aber dennoch versucht, sein Leben zu leben wie er es sich vorstellt: an einem Ort, an dem er sich wohlfühlt, im Einklang mit der Natur, seinen Bienen und den Menschen, die ihm über den Weg laufen (es müssen ja nicht so viele sein). Was soll man sich noch mehr wünschen? Klare Leseempfehlung!

Andrej Kurkow: Graue Bienen.
Diogenes, Juli 2019.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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