Andreas Séché: Leuchtturmmusik

Es gibt einen besonderen Ort auf der Welt, so idyllisch, dass alle seine Bewohner friedfertig und glücklich sind – oder glücklich werden. Ein Fischerdorf am Meer, das die Touristen noch nicht entdeckt haben, wo der Wind säuselt und die Fischernetze immer voll sind. Von dort ist es nicht weit bis ins Hinterland mit riesigen Bäumen und einer alten Wassermühle, einem Flüsschen und einer Höhle. Und auch nicht weit zu einer blütengesprenkelten Lichtung mit Zitronenfaltern und Blick auf den Ozean. Dort begegnet Tristan der geheimnisvollen Fremden: Emily. Man könnte meinen, dass Emily das Dorf gehörig durcheinanderwirbelt. Schließlich stellt sie laut Klappentext das Leben aller auf den Kopf. Aber nein. Mit einer ganz besonderen Geste bringt sie die Menschen zwar zum Nachdenken, ansonsten aber fügt sie sich ins Dorfleben ein, als gehörte sie schon immer dazu. Tristan und Emily finden ineinander die große Liebe, einzigartig und vollkommen, passend in dieses Paradies. Zwar schlägt die Vorsehung grausam zu, doch die beiden Liebenden finden genügend innere Kraft und Zufriedenheit, um den Schicksalsschlag anzunehmen.

Ich habe lange überlegt, ob ich Emilys Schicksal hier verraten soll und habe mich entschieden, es zu tun, um die Stärken und Schwächen des Buchs herauszustellen: Emily hat nur noch kurze Zeit zu leben und wird viel zu früh von Tristan getrennt.

In Séchés Roman geht es darum, den eigenen Tod anzunehmen, sich mit ihm zu auszusöhnen, darum, wie man sich einen Platz in der Welt, in den Erinnerungen schaffen und so nach dem Tod weiterleben kann. Religiöse Themen spielen hierbei keine Rolle. Emily weiß, dass sie bald sterben wird. Sie ist in den Küstenort gekommen, um hier in den letzten Wochen ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen. Sie genießt den Augenblick, jeden Sonnenstrahl, legt einen Garten an, liebt, ist eins mit sich und der Welt. An einer Stelle schüttet sie Trinkwasser ins Meer. „Das Wasser aus der Flasche. Es ist immer noch hier. Menschen verschwinden nicht. Sie verteilen sich. […] Sie fließen in was Neues ein.“ (Zitat S. 114) – ein tröstlicher Gedanke. Aber er genügt nicht, um diese völlig konfliktfreie Geschichte über ein paradiesisches Dorf zu tragen. Es gibt nichts, was sich reibt, keinerlei Auseinandersetzungen, kein Hadern mit dem Tod, nur Ansätze von Verzweiflung, die schnell weggeküsst und weggestreichelt werden. Die Figuren sind ausnahmslos freundlich, ohne Ecken und Kanten. Mir ist das alles zu verklärt, zu lieb, zu wunderbar. Die Sprache ist poetisch, für meinen Geschmack jedoch zu ausschweifend, zu schwelgend. Ich mag Naturbeschreibungen, hier war es selbst mir an einigen Stellen zu viel. Einige gute Denkanstöße des Autors gehen für mich in den zahlreichen Metaphern und all dem Süßen und Schönen unter – schade.

Ich kann mir trotzdem gut vorstellen, dass „Leuchtturmmusik“ Begeisterung weckt, weil es romantisch ist, weil es von der wahren Liebe erzählt und trotz des Schicksalsschlages zu einem guten Ende kommt.

Das Buch an sich ist liebevoll aufgemacht, im Anhang findet sich das Rezept für Emilys Löwenzahnblüten-Likör und eine Liste von 15 Dingen, die auch Sie einmal in Ihrem Leben tun könnten, darunter: Einen Mondregenbogen finden. Mondregenbogen? Klingt das nicht wundervoll?

Andreas Séché: Leuchtturmmusik.
Independently Published, September 2017.
250 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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