Andreas Martin Widmann: Messias

Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Andreas Martin Widmann (Jahrgang 1979) debütierte 2012 mit seinem Roman „Die Glücksparade“, für den er mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Nun ist am 21. August 2018 im Rowohlt Verlag sein neuestes Buch mit dem Titel „Messias“ erschienen.

„Messias“ erzählt die Geschichte einer Familie auf der Suche nach Erlösung. Da ist der Vater Paul Helmer, der in der Werbebranche tätig ist, und in dieser Funktion einen Auftrag für einen arabischen Kunden namens Faisal erhält. Dafür muss er nach London reisen. Seine Frau Inge, ehemalige Lehrerin, gibt Gymnastik- und Fitnesskurse für Frauen in ihrer kleinen Heimatstadt. Wegen ihrer unspezifischen gesundheitlichen Beschwerden ist sie bei Marian, einem Heilpraktiker und Coach, in Behandlung. Paul und Inges erwachsene Tochter Judith versucht sich als Künstlerin und Fotografin. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Kommune in Dänemark kehrt sie unangekündigt in ihr Elternhaus zurück.

Paul genießt seinen Aufenthalt im geschäftigen London. Immer wieder lässt der geheimnisvolle Auftraggeber für eine Werbekampagne der neuen arabischen Fluggesellschaft Oman Airlines die gemeinsamen Termine platzen. Für Paul  wird die Suche nach Faisal zur Hoffnung auf ein anderes Leben.

Inge schlägt sich mit Judith und diversen Handwerkern herum, die das Dach ihres Hauses reparieren sollen. In ihren Sitzungen bei Marian versucht sie, ihrem Unbehagen in ihrer Ehe und in ihrer Mutter-Tochter-Beziehung auf den Grund zu gehen.

Judith hängt ihren Träumen nach, eine erfolgreiche Künstlerin oder mindestens Kuratorin zu werden. Über einen merkwürdigen Vorfall in der dänischen Kommune schweigt sie sich aus. Sie streitet sich mit ihrer Mutter, lügt und betrügt. Dann verschwindet sie genauso plötzlich wieder, wie sie zu Hause aufgetaucht ist.

In „Messias“ erzählt Andreas Martin Widmann die Geschichten von Paul, Inge, dem Dachdecker Tacconi und dem Bericht eines Mitgliedes aus der dänischen Kommune in mehreren Kapiteln, die sich aneinanderreihen. Und nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Pauls Auftrag für eine Werbekampagne entpuppt sich als Katz-und-Maus-Spiel, Inges beschauliches Kleinstadt-Leben als Gefahr für ihre Gesundheit und ihre Familienbeziehungen. Der Dachdecker spioniert und Judith ist vielleicht in ein Gewaltverbrechen verwickelt.

Dem Grunde nach ist es eine spannende Erzählidee, eine Familie in Auflösung zu beschreiben. Allerdings gerät dies bei Widmann in einer sperrigen, distanzierten Sprache, die es mir als Lesende schwer macht, mich für die Protagonisten und ihre Geschichte zu begeistern. Das beginnt schon mit dem seltsamen Prolog zu Anfang des Buches, dessen Bedeutung (später taucht eine entsprechende Traumsequenz auf) für die Geschichte sich mir kaum erschließt und sich fortsetzt in den vielen englischsprachigen Dialogen aus der Werbebranche, die den Lesefluss trüben, aber vielleicht einer gewissen Authentizität (oder dem mehrjährigen Aufenthalt des Autors in London) geschuldet sind.

Widmann strapaziert meine Leserinnen-Geduld, in dem er die Antriebsfedern für das Handeln seiner Hauptakteure (Paul, Inge und Judith) im Dunkeln lässt, und ihre Suche nach Erlösung (von was genau eigentlich?) damit in ein planloses Herumirren verwandelt. Figuren wie der Dachdecker Tacconi, der Patient von Jesper aus der dänischen Kommune und die Sponsorin Judiths, Carola Kallenberg, bleiben völlig schleierhaft. Und wie um die Leserinnen-Flexibilität noch weiter auszureizen, fügt Widmann in den Kapiteln  „Renaissance“ und „Blitz“ völlig andere Erzählperspektiven ein. Das hat mehr etwas von einer literarischen Erzählübung, als von einem in sich stimmigen Romanaufbau.

Trotzdem habe ich das Buch mit einer gewissen Spannung gelesen, um es am Ende eher enttäuscht wegzulegen, weil es meine Leseerwartung nicht erfüllt hat.

Andreas Martin Widmann: Messias.
Rowohlt, August 2018.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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