Andreas Eschbach: Perry Rhodan – Das größte Abenteuer

Was ließe sich nicht alles sagen zu „Perry Rhodan“, der größten Science-Fiction-Weltraumserie der Welt? Allein das Auflisten der Informationen aus Wikipedia würde mehrere Seiten in Anspruch nehmen. Ungezählte Websites widmen sich dem Phänomen, eine rührige Fan-Szene dominiert hier das Internet.

„Perry Rhodan“ – das ist jene Serie, die seit November 1961 (!) jede Woche auf’s Neue mit einem Abenteuer in Heftchenform aufwartet, von der es ungezählte Bucheditionen, Hörspiele, Hörbücher, E-Books und so weiter und so weiter gibt. Die Heftchen gibt es sogar in silbernen, dicken Büchern gesammelt, mittlerweile fast 150 Bände. Ja, selbst einen Kinofilm gab es einmal (der übrigens heute unfreiwillig komisch wirkt). Das Besondere: Es ist eine deutsche Produktion, auch wenn Titelheld Perry – natürlich – Amerikaner ist (was einige deutsche Journalisten, die über das Phänomen berichten, immer noch nicht zu wissen scheinen). Und was wurde der Serie alles unterstellt: Sie sei kriegslüstern („Krieg der Sterne“…), ja faschistoid. Dem Phänomen tat das alles keinen Abbruch. Mangelnden Tiefgang einer trivialen Heftchen-Serie zu unterstellen wirkt auch irgendwie … deplaziert.

Vor fast 40 Jahren hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit der Serie, als Heft Nr. 1000 in den Läden lag – „Der Terraner“ mit einem glänzenden und beeindruckenden Cover. Die Welt befand sich gerade im Science-Fiction-Fieber, zur Zeit der ersten „Star Wars“-Filme. Es dauerte nicht allzu lange, da musste ich unbedingt den Beginn dieser Serie nachholen. Und so wünschte ich mir die silbernen Bände, in denen die Abenteuer gesammelt waren, auch las ich gerne in den Heftchen der 5. (!) Auflage. Perry Rhodan war damit Teil meiner Jugend, wie bei so vielen Lesern, die gemeinsam mit der Reihe alt geworden sind.

Die ersten Abenteuer erzählten von Commander Perry Rhodan und seinem Co-Piloten Reginald Bull, die gemeinsam im Jahr 1971 mit der „Stardust“ auf die Mond-Oberfläche flogen, nur um dort einer überlegenen außerirdischen Intelligenz zu begegnen. Und damit begann die ganze galaktische Chose. Die Hefte wurden verschlungen, sie waren fantasiereich, flott geschrieben und hatten einen großen Unterhaltungswert. Zugegeben, ich bin dann nicht dabei geblieben, und ein späterer Wiedereinstieg war schwer, da nach so vielen Jahren und so zahlreichen Heften mit diversen Epochen und Nebenserien ein Überblick nur mit einigem Aufwand zu leisten war.

Vor kurzem erschien das 3000. Heft der Serie – so etwas ist einmalig in der Welt und allein deshalb schon ein literarisches Phänomen, das Aufmerksamkeit verdient. Und darüber hinaus erscheint nun im ehrwürdigen Fischer-Verlag ein dicker gebundener Roman des Bestseller-Autors Andreas Eschbach mit dem Titel „Perry Rhodan. Das größte Abenteuer“.

Eschbach wurde mit „Das Jesus-Video“ zum Bestseller-Autor, sein letzter dickleibiger Roman „NSA“ über eine Nazi-Diktatur, die über Computertechnologie verfügt, stürmte sofort Platz Eins der Bestseller-Listen. Eschbach weiß, wie man spannend erzählt und seine Leserschaft in Bann schlägt. Er ist ein guter Erzähler von spannenden Romanen. Was lag da näher, als im 50. Jahr der Mondlandung und im Schatten des 3000. Heftromans der Science-Fiction-Serie ihn mit dem Auftrag zu betrauen, einen eigenen Perry-Rhodan-Roman zu verfassen? Eschbach zögerte nicht lange, denn er hatte schon als Gastautor ein paar Heftchen geschrieben und war seit seiner Kindheit mit der Serie vertraut. Und so entschied er sich, die Vorgeschichte des berühmten Helden nachzulegen. Wie also verliefen Kindheit und Jugend, was passierte, bevor Rhodan 1971 auf dem Mond landete und damit die Geschichte der Erde, schließlich des Universums veränderte?

Perry, so erfahren wir, hatte keine ganz leichte Kindheit. Und er war jemand, der stets das Herz am richtigen Fleck hatte (wen wundert’s?). Er, ein weltoffener Junge, findet schließlich über mehrere Wege nach West Point und schließlich zur Air Force. Er erlebt den Vietnamkrieg und trifft auf zahlreiche interessante Personen aus der Zeitgeschichte, zum Beispiel auf Martin Luther King. Dabei ist er von Anfang an nicht der soldatische Befehlsempfänger, sondern durchaus ein selbständig und frei handelnder Geist – so wie auch später, als er, mit neuer außerirdischer Macht ausgestattet, sich nicht alten Befehlsstrukturen unterwerfen, sondern eigene Politik zum Wohle der Menschheit gestalten wird. Ein Held wie er – ein Über-Held – könnte jenseits der Trivialliteratur unglaubwürdig wirken. Eschbach weiß das, aber es gelingt ihm durchaus, Probleme hier zu vermeiden. Sein Perry Rhodan in einer weitgehend realistischen historischen Welt erlangt eigene Konturen – und bleibt doch irgendwo der Rhodan, der er später einmal in der Heftchenserie sein wird. Man spürt, dass der Autor mit dem Rhodan-Universum vertraut ist, dass er die Geschichte und seine Figur liebt. Es handelt sich bei dem 850-Seiten-Werk auch nicht um einen verzichtbaren Parallel- oder „Elseworld“-Roman – der Autor will seine Geschichte durchaus kanonisch verstanden haben. „Das größte Abenteuer“ soll von nun an Bestand des Rhodan-Universums sein.

Eschbach geht damit in gewisser Weise ein Wagnis ein, denn er macht hier einen Spagat zwischen den eingefleischten Fans der Reihe – circa 60000 überwiegend männliche Leser mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren, die mit heiligem Ernst über das Idol ihrer Jugend wachen – und dem interessierten Neu- oder Eschbach-Leser, der sich einfach nur für einen gut geschriebenen Science-Fiction-Unterhaltungsroman interessiert. Beide müssen zufrieden gestellt werden.

Es gelingt ihm gut. Der Umfang des Romans schreckt nicht, er erzählt leicht daher und weiß zu fesseln – so wie man es von dem Autor kennt. Auch sein Zeitkolorit ist über weite Strecken überzeugend, denn Eschbach nimmt seine Arbeit ernst und recherchiert solide. Perry-Rhodan-Fans dürfen sich freuen über einen weiteren, gar nicht kleinen Mosaikstein. Und vielleicht gelingt es dem Buch ja sogar, neue und auch jüngere Leser für die Serie zu gewinnen. Auf jeden Fall aber wird man gut unterhalten, in bester Weise.

Andreas Eschbach: Perry Rhodan – Das größte Abenteuer.
Fischer, Februar 2019.
848 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

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