André Aciman: Find me, Finde mich

Plätschernde Worte, voll verzweifelter Schwere und bezaubernder Leichtigkeit; das sich drehende Rad der Zeit, vor und zurück, mal schnell, mal langsam; sich überschneidende Lebenslinien und nicht zuletzt geschlechtslose, unabdingbare Liebe, die die Zeit zu einer Nichtigkeit werden lässt.

André Aciman versteht sich auch bei seiner Fortsetzung des Erfolgsromans „Call me by your name“ noch immer wie niemand sonst darauf, gesellschaftliche Normen außer Kraft zu setzen und Beziehungen zu spannen, wo andere nur Grenzen sähen. „Find me“ erschien bereits 2019 in englischer, und Anfang 2020 dann schließlich auch in deutscher Sprache und erzählt die Geschichten dreier Männer auf der Suche nach dem Zuhause ihres Herzens.

Samuel, Vater des damals 17-jährigen Elio, findet dieses nach Jahren der Einsamkeit in einem Zug auf dem Weg nach Rom; der mittlerweile erwachsene Elio verbringt einen melancholischen Winter im Colot-Land einer anderen Generation und ein gealterter Oliver kämpft mit unerfüllten Sehnsüchten und der Erinnerung an Bach auf einem Steinway.

Die Zeit ist Acimans liebstes Spielzeug in diesem Roman. Nicht nur die einzelnen Figuren sehen sich mit ihr konfrontiert, sondern auch der Leser selbst, denn Jugend und Alter geraten in Konfrontation, als Samuel sich in eine Frau verliebt, die seine Tochter sein könnte und Elio Gefühle für einen doppelt so alten Mann entwickelt. Gleichzeitig aber, und das ist das Spannende, wird die Zeit außer Kraft gesetzt, Liebe wirkt über Altersgrenzen hinweg und Gleichnisse werden geschaffen. „Irgendwann wiederholen sich die Karten“, stellt Elios Liebhaber Michel in Bezug auf das Schicksal seines Vaters fest. „selten in der gleichen Reihenfolge, aber nach einem Muster, das uns seltsam vertraut erscheint.“ So wirkt es zugleich willkürlich und doch von höherer Hand geplant, dass Vater und Sohn ein ähnliches Schicksal teilen, dass Elio einen älteren und Samuel einen jüngeren Menschen liebt und dass die Väter von Samuels zweitem Sohn, der den Namen Oliver trägt, am Ende Oliver und Elio selbst sind. Wie verquer Zeitachsen verlaufen können, äußert sich jedoch nicht nur in der Handlung selbst, sondern auch in den Erzählungen der einzelnen Charaktere: Der Leser wird quasi mit der Nase darauf gestoßen, doch gleichzeitig begleitet dieses Gefühl sehr subtil die ganze Geschichte. Es scheint, als hätten die Leben der drei Männer, und auch ihrer Partner*innen nur darauf gewartet, „dass sie an die Reihe kommen, weil sie noch gar nicht gelebt wurden, während andere erlöschen, noch ehe sie ihre Zeit ausgelebt haben, und manche […] noch einmal gelebt werden [wollen], weil man sie nicht ausreichend gelebt hat.“ So auch die eine große Liebe, die bereits in „Call me by your name“ verzauberte und deren Happy End noch immer aussteht: Elio und Oliver.

Doch passend zu Acimans Konzept der Zeit dauert es  276 Seiten, um genau zu sein, bis die beiden endlich zueinander finden, nicht ohne Umschweife natürlich, nicht ohne Leid. Ganz im Sinne der Melancholie wird auch der Leser auf die Folter gespannt, sucht genau wie die Protagonisten nach seinem eigenen Seelenheil in dem lang ersehnten Happy End.

Letztendlich bekommt er es nicht nur ein-, sondern mindestens dreimal. Denn jede Figur begegnet früher oder später dem einen anderen Menschen und bekommt das größte Geschenk der Existenz: Zeit. Nicht immer ist es viel, aber sagt man nicht, je rarer, desto wertvoller?

Dieser Kostbarkeit des Seltenen, der Kostbarkeit von Zeit wird im Roman nachgespürt, sei es auf einem Marktplatz beim Aussuchen des perfekten Fisches oder auf dem Rundgang der Vigilien durch Rom, jede für sich eine Erinnerung an einen Schatz, jede für sich eine Suche. Nach Perfektion und Versehrtheit, nach Liebe natürlich. „Finde mich“, sagt Elio in Olivers Gedanken. Find me, der Titel auf dem Einband. „Wozu die Karte, wenn das Ende feststeht?“, wird Elio der vielleicht wichtigsten Frage gewahr, der wichtigsten Antwort. Ist der Weg letztendlich das Ziel, die Suche bereits das Finden? Ja, denn die Suche verändert, während die Vigilien und Olivers Kuss an der Wand für immer lebendig unvergessen bleiben. Vielleicht bedarf es erst der Erkenntnis, dieser unter hunderten, bis sich alles fügen kann.

Aciman offenbart sich erneut als träumender Realist, der es schafft, beinahe psychologisch einfühlsam Gefühlsregungen in seinen Figuren zu erkennen und benennen, für die es eigentlich keine Worte gibt. Jeder Blick, jeder Satz, jedes gesprochene und ungesprochene Wort wird von den Figuren eingeordnet, kommentiert und findet schließlich einen Platz in ihnen wie in uns Lesern, den wir alle sehr gut kennen.

Und schließlich fügt es sich zusammen, eine Tür schließt und alles rutscht an seinen Platz. Die Zeit hat sowohl Protagonisten als auch Leser beschenkt und wenn die letzten Zeilen ausgelesen „Ich wünschte, mein Vater würde noch leben.“ Oliver schaute mich an, schwieg und dann sagte er: „Ich auch, ich auch.“ und die Geschichte wieder in ihrem Einband versteckt wird, bleibt das vertraute Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

André Aciman: Find me, Finde mich.
dtv, Juli 2020.
296 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Luisa Aufderheide.

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