Alois Brandstetter: Lebensreise

In diesem autobiografischen Text begibt sich der große österreichische Germanist, Autor, Gelehrte, Universitätsprofessor und auch Humorist Alois Brandstetter 2019 auf eine Pilgerfahrt. Er folgt den Spuren seines Namenspatrons Aloysius von Gonzaga. Der Jesuit und zeit seines Lebens vorbildliche Christ starb 1591 bei der Pflege von Pestkranken.

Brandstetter beschreibt aber nicht nur die Eindrücke und Vorkommnisse während seiner Fahrt durch Italien, sondern begibt sich eloquent immer wieder „abseits des Weges“. Er lässt den Leser teilhaben an seinem ungeheuren Wissen. Seien es Theologie, Malerei, Architektur, seien es geisteswissenschaftliche Themen jeder Art, historische Fakten, etymologische Erklärungen von Wörtern, eigene Erinnerungen oder Anekdoten von Begegnungen mit Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts,… der Autor nimmt den Leser plaudernd an der Hand und leitet ihn Seite um Seite durch seinen reichen Erfahrungsschatz. Wenn Brandstetter erzählt, wird dem Leser nie langweilig. Manches Thema wird mit Augenzwinkern und aus humorvoller Distanz betrachtet.

Dass LEUT und MENSCH in Mundarten den weiblichen Menschen, das Mädchen und die Frau bezeichnen, ist von einer – anthropologische gesehen – tiefen Bedeutung. Denn der weibliche Mensch ist nach Meinung der Paläanthropologie der „Prototyp“ des Menschen. Die Wissenschaft widerspricht damit der Bibel, die „das Weib“ aus der Rippe des Mannes entstanden sein lassen will. Der Paläanthropologie ist der Mann ein sekundäres „Derivat“ des weiblichen Menschen, des Menschen an und für sich. Der Mann hat zwar einige spezifische Extras – die Anthropologie nennt als ein solches Extra und Surplus das ausgelagerte Geschlecht – das ihn sozusagen als „Sonderanfertigung“ auszeichnet, aber zugleich auch anfälliger und verwundbarer macht. Das ist auch der Grund, dass die Lebenserwartung von Frauen höher ist als jene von Männern… Der Mann ist ein „Abkömmling“ der Frau, der Urmutter. Matriarchat! Schließlich spielen Frauen bei der Reproduktion des Menschengeschlechtes wahrlich die Hauptrolle!!“ (Seite 256f.)

Immer wieder kehrt der Autor zum „roten Faden“ Aloysius zurück, dessen Reliquien über ganz Europa verstreut sind, dessen Haupt aber in Castiglione ruht und ein kleiner Rest seiner übrigen Gebeine in einem Lapislazuli-Sarg in San Ignazio in Rom begraben liegt.

„Lebensreise“ ist ein Buch, auf das man sich einlassen, für das man sich Zeit nehmen muss. Dafür wird man mit einem Feuerwerk an Wissenswertem, Kuriosem, immer Interessantem belohnt. Es handelt sich ganz gewiss nicht um ein Buch, das man „verschlingen“ kann. Vielmehr kann man es sich beim Lesen im übertragenen Sinn genüsslich auf der Zunge zergehen lassen.

Alois Brandstetter: Lebensreise.
Residenz Verlag, Oktober 2020.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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