Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor

Ich bin ich. Und einzigartig! Oder?

Es ist nicht einfach, vierzehn zu sein, wenn sich die Eltern gerade getrennt haben und die Mutter nur noch in Diäten denkt, wenn die Schule nervt und sich das schmutzige Geschirr unter dem Bett stapelt. Und dann noch dieses Buch! Niemand aus der Klasse hört bei der Lesung in der Bibliothek zu, nur Kim wird aus ihrer Lethargie gerissen. Kein Wunder, denn das Buch handelt … von Kim! Von ihrer Familie, ihrem Leben, ihren Gedanken. Zugegeben, ein paar Namen und unwichtige Details stimmen nicht, aber der Rest – ist eindeutig Kim.

Sie besorgt sich das Buch; zu lesen ist eine ganz neue Erfahrung für Kim. Es ist mühsam, ihre beste Freundin Petrowna davon zu überzeugen, dass es darin tatsächlich um sie geht. Hat nicht der Vater des Mädchens im Buch plötzlich eine dunkelhäutige Freundin, mit der er ein Baby erwartet – genau wie Kims Vater? Petrowna ist skeptisch, aber als im Buch Jonathan stirbt, der im echten Leben kein anderer sein kann als Jasper, ist klar: Jaspers Tod muss verhindert werden.

Ich-Erzählerin Kim ist anstrengend, naiv und verwöhnt. Ihre Welt dreht sich ausschließlich um sie, Geldsorgen kennt sie nicht. Dass Jasper sterben könnte, bürdet ihr erstmals die Last der Verantwortung auf, der sie ohne Petrowna nicht gewachsen wäre. Da sich die Autorin weigert, das Buch einfach umzuschreiben, müssen sich die Mädchen etwas anderes einfallen lassen. Sie geben alles, um Jasper zu retten.

Petrowna ist die eigentliche Heldin dieser Geschichte, hochbegabt, lebensklug, mit dem Herzen am rechten Fleck. Sie stammt aus einer kirgisisch-türkischen Großfamilie, die in einer beengten Wohnung ziemlich chaotisch zusammenlebt. Hier ihren Platz zu behaupten, ist nicht immer leicht für Petrowna – Kim weiß allerdings nicht viel darüber, es interessiert sie kaum. Immerhin erfährt sie jetzt, warum Petrowna alle Hausaufgaben und Referate von Hand schreibt: Sie besitzt schlicht keinen Computer. Kims Beschämung währt nur kurz, sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wäre sie das nicht, wüsste sie womöglich, dass auch andere Kids unter der Scheidung der Eltern leiden, Probleme mit dem Erwachsenwerden haben oder ihre Socken mal selbst waschen müssen. Dies allein macht nicht einzigartig.

Handelt das Buch nun also tatsächlich von Kim? Diese Frage muss jede Leserin, jeder Leser für sich selbst beantworten. Immerhin veranlasst es Kim, manches in einem anderen Licht zu sehen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und – vielleicht – zu einem guten Ende zu bringen.

Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor.
dtv, September 2017.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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