Ali Smith: Frühling

Da liegt er nun auf dem Tisch. Der dritte Band des Jahreszeitenquartetts „Frühling“ von Ali Smith, wie auch die ersten beiden Bände („Herbst“, 2019 und „Winter“, 2020) übersetzt von Silvia Morawetz. Das Buch der schottischen Schriftstellerin ist am 29. März 2021 im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Nach „Herbst“ und „Winter“ lässt Ali Smith es nun für die Leserinnen und Leser „Frühling“ werden. Und sie bringt uns zum Auftakt gleich auf Trab mit einer ihrer unnachahmlichen Tiraden zu „Fake News“. Dann startet der Frühling durch. Aber zunächst steht der mehr oder weniger bekannte Regisseur Richard Lease im Oktober 2018 auf dem Bahnsteig eines nordschottischen Bahnhofs und wartet. Richards gute alte Freundin Paddy, die Drehbuchautorin Patricia Heal, ist tot. Richard erinnert sich an ihr Kennenlernen, ihre Zusammenarbeit und ihr Leben. Er ist aus London vor einem neuen Filmprojekt (mit dem Titel „April“) geflüchtet, in dem es um um eine fiktive Liaison zwischen Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke geht. Irgendwann guckt er aus dem Gleisbett unter einem Zug hervor in die Augen eines Mädchens, das zu ihm sagt: „Ich könnte Sie hier oben echt gut brauchen.“ (S.109).

Brittany (Brit) Hall ist Mitarbeiterin eines Sicherheitsdienstes in einem Abschiebezentrum für Flüchtlinge, die sie dort Deets nennen (Deet ist ein Insektenmittel). Brit verfällt langsam dem Zynismus über ihre Arbeit und über die geflüchteten Menschen. Mit dem Mädchen Florence, von dem man sich wundersame Dinge erzählt und das „andere dazu bringt, sich zu benehmen, wie sie es sollten – als lebten sie in einer anderen, einer besseren Welt“, fährt sie  spontan mit dem Zug nach Schottland. Mit dem Regisseur Richard und Alda Lyons vom Kaffeetruck fahren die beiden weiter nach Norden. In einem Tesco-Supermarkt trennen sich ihre Wege wieder.

Ali Smith bleibt auch mit „Frühling“ ihrer Linie von „Herbst“ und „Winter“ treu, wenngleich mir als Lesende ihre Ideen in diesem Band weniger skurril und kurios erscheinen. Sie erzählt Geschichten in der Geschichte. Sie bedient sich bei alten Mythen, Shakespeare und Chaplin. Sie provoziert mit den Texten zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage. Sie gibt der Resignation und dem Protest in ihren Dialogen eine literarische Stimme. Sie beschreibt die menschenunwürdige Situation geflüchteter Menschen in Abschiebeeinrichtungen in England (aber nicht nur dort) mit krassen Worten:

„In jedem Zimmer gab es eine Toilette. Zimmer mit eigenem Bad. Hohoho. Die Toiletten hatten keinen Deckel und waren in den meisten Fällen nicht durch einen Sichtschutz oder irgendwas von den Betten abgeteilt. Das hatte den schönen Nebeneffekt, dass viele Deets kaum etwas aßen, denn wer will schon, wenn er nicht gerade wahnsinnig ist, im Beisein anderer scheißen… Eine gute Übung für den Schließmuskel, sagte Dave.“ (S. 142/143)

Aber vielleicht gibt es Hoffnung. Vielleicht bringt der Frühling Veränderung und Aufbruch. Nur die Jahreszeiten nehmen ihren Lauf. Es sind jedoch die Menschen, die sich ändern müssen. Die einen werden mutiger, unerschrockener, wie der Regisseur Richard Lease, das Mädchen Florence und die Aktivistin Alda. Und bei den anderen bleibt es wie es ist, wie bei der Sicherheitsdienst-Mitarbeiterin Brittany oder den Zahllosen, die die Wirklichkeit mit ihren Handys filmen und sie am Ende für einen Film halten.

Ali Smiths „Frühling“ taucht die Lage des Landes und seiner Menschen in helles Licht. Und macht gnadenlos seine rabenschwarzen Ecken sichtbar. Danke dafür!

Ali Smith: Frühling.
Luchterhand Literaturverlag, März 2021.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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