Alex Wheatle: Home Girl

Naomi ist 14 Jahre alt und lebt in einem Heim. Streit und Prügeleien gehören genauso zur Tagesordnung wie ein fehlender Schulunterricht. Wer wie Naomi schon von vielen Schulen verwiesen wurde, darf kaum auf eine erneute Chance hoffen. Auch die Hoffnung auf ein normales Familienleben will sich nicht einfinden, denn bei den Pflegefamilien bleibt sie nie lange. Inzwischen glaubt Naomi, mit ihr komme kein Mensch zurecht.

Doch dann wird sie für die Übergangszeit bei einer schwarzen Familie mit zwei Kindern untergebracht. Zum ersten Mal erfährt Naomi echte Zuneigung. Ihre Festung aus Ablehnung beginnt zu bröckeln, was nicht jedem gefällt.

Alex Wheatle hatte eine geniale Idee. Er begann Jugendromane zu schreiben und dies so gut, dass seine Bücher mit Preisen gewürdigt wurden. Seine Geschichten ranken um charakterstarke Jugendliche in sozialen Brennpunkten, die aus extremen Situationen einen Ausweg suchen.

Sein aktueller Roman, übersetzt von Conny Lösch, ist allen Heim- und Pflegekindern gewidmet. Er zeigt am Beispiel der traumatisierten Naomi, wie wichtig Bezugspersonen und Freunde sind. Und manchmal, wenn die Fähigkeit, jemandem zu vertrauen, eingeschränkt ist, fällt die Wahl zwischen echten und falschen Freunden schwer. Naomis Weg der Erkenntnis beschreibt der Autor empathisch und behutsam, als wäre das Mädchen eine geladene Waffe. Häppchenweise erfährt der Leser, warum die Vierzehnjährige mit Worten um sich schlägt. Fesselnd, informativ und zeitweise zu Tränen rührend leistet dieser Jugendroman viel mehr als die meisten anderen. Denn er wirkt ehrlich und in jeder Zeile authentisch.

Zur Auflockerung bricht Alex Wheatle Naomis Geschichte immer wieder mit frechen Sprüchen und Situationskomik auf und überrascht mit einem dramatischen Ausgang, der nur ein offenes Ende sein kann. Denn Naomis Zukunft ist ein dynamischer Prozess.

Im Original trägt der Roman den Untertitel The Miseducation of Naomi Brisset. Alex Wheatle verweist damit auf die Schwächsten einer Gesellschaft, den Kindern, die so häufig um ihre Zukunft betrogen werden. Es könnte ganz anders laufen. Für alle. Heute. Morgen und später.

Alex Wheatle: Home Girl.
Verlag Antje Kunstmann, März 2020.
280 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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